In einigen Dutzend deutscher Kleinstädte, wo sich das kunsthungrige und theaterbegeisterte Bürgertum zu Fernsehabenden wie einst zu Scharaden gegenseitig Visiten macht, sind in der vergangenen Woche ein paar Tausend Flaschen Wein und ganze Gebirge von Salzmandeln und Käsegebäck umsonst beim Kaufmann bestellt worden: Die abendliche Premiere im Lehnstuhl fand nicht statt. Ohne Angabe von Gründen sind wieder einmal zwei hochwichtige Programme gestrichen worden, am Mittwoch das Wiener Singspiel „Doktor und Apotheker“ von Karl Ditters von Dittersdorf, am Donnerstag William Saroyans „Pariser. Komödie“ in der Inszenierung Boleslaw Barlogs.

Beweglichkeit und Entschlußfreudigkeit sind wichtig, und Umdispositionen werden sich nie vermeiden lassen. Soll das Programm aktuell und schnell sein, muß man auch von langer Hand Vorbereitetes verschieben und absagen können. Diese Absetzungen aber waren höchst überflüssig. Man hatte in letzter Minute festgestellt, daß man die Vertragsrechte zur Ausstrahlung nicht besaß, man hatte zwar Zeit gehabt, mit der Direktion der-Städtischen Bühnen Berlins über die Fernsehaufzeichnung zu verhandeln, und man hatte Zeit gehabt, mit Regisseur und Technikern ins Schloßpark-Theater zu gehen und die Sache aufs Band zu nehmen – nur die rechtliche Seite der Angelegenheit war aus Versehen ungeklärt geblieben.

Und da saßen nun Zehntausende vor dem Bildschirm und rieben sich die Augen, in welch altertümlichem Kostüm Saroyan seine „Pariser Komödie“ statthaben läßt... Denn, und das ist das zweite, man hatte wieder einmal, keinen Ersatz, und so sendete man einfach noch einmal Sheridans „Lästerschule“, was ganz hübsch gewesen wäre, wenn das nicht vor kurzem erst auf der Bildröhre erschienen wäre. lupus