Zur deutschen Nachkriegs-Literatur

Eine Glosse in unserer letzten Nummer beschäftigte sich mit der Frage „Was heißt ‚die deutsche Literatur‘?“ Auf vierzig Zeilen wurde – sehr kurz, also vereinfachend – von unseren Bemühungen geredet, ZEIT-Lesern ein unvoreingenommenes, ungefärbtes Bild zu geben von dem, was das literarische Nachkriegs-Deutschland repräsentiert.

Meine gewiß nicht irgendeinem Cliquen-Geist, sondern nüchtern-sachlicher Beobachtung entspringende Behauptung lautete: Die deutsche Literatur der Unter-fünfzig-jährigen steht links, und ich kenne keinen deutschen Schriftsteller der Nachkriegszeit außer Gerd Gaiser und Arno Schmidt, der nicht irgendwann aufgefordert worden wäre, auf einer der jährlichen Tagungen der „Gruppe 47“ zu lesen. Ich schloß: „Jeder Widerspruch jedes deutschen Schriftstellers wird an dieser Stelle abgedruckt.“

Bisher liegen zwei Widersprüche vor: einer von Dr. Rudolf Krämer-Badoni (er hat in der Gruppe 47 gelesen), den wir vielleicht noch veröffentlichen können, und einer von Dr. Walter Gerteis, München, den wir nachstehend veröffentlichen.

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Von Ihrer freundlichen Aufforderung, sich zu Ihrer Randbemerkung (Was heißt „die deutsche Literatur“?) zu äußern, darf ich Gebrauch machen.

Die Proklamierung der Gruppe 47 als „linke“ ’Literatur hat das Nachkriegsdeutschland um ein paradoxes Phänomen bereichert – nämlich um eine „linke“ Literatur, von der die breite Masse nicht einmal die Namen kennt und die bisher weder imstande noch willens war, auch nur irgend etwas Nennenswertes für den „Mann der Straße“ zu schreiben. Es ist eine „linke“ Literatur, die von vornherein um die breite Masse einen weiten Bogen schlägt; es könnte sonst dem literarischen Prestige schaden. Man sitzt unentrinnbar im Käfig der Ästheten, hängt ein Schildchen „Links“ heraus und fühlt sich exklusiv. Früher nannte man so was Salonsozialisten, den „Rechten“ wie den „Linken“ ein Greuel.