Von Walter Jens

„Diesmal bin ich direkt richtig auf Urlaub gefahren. Alles ist still. Im Reichstag liegen se sich in den Haaren. Laß se liegen. Kein Bolschewismus. Kein Experiment. Unberufen ... bei so einem Präsident –

(Tucholsky, Die freien Deutschen)

Es gibt Rudolf Borchardts gesammelte Werke, doch ist der Verfemte damit der Nation wiedergegeben? (In den Schul-Literaturgeschichten habe ich seinen Namen vergebens gesucht.) Man ediert die Schriften des Karl Kraus: Aber auch ihn fand ich so wenig wie Walter Benjamin. Wir publizieren die Gedichte von Else Lasker-Schüler, Nelly Sachs und Gertrud Kolmar: Schüler aber werden offenbar nicht für würdig befunden, die jüdischen Namen zu lernen. Sie lesen in der Zeitung, daß das Werk Joseph Roths, in drei Bänden gesammelt, nun wieder zugänglich sei: Doch, wenn sie ihre Lehrbücher aufschlagen, die sich so „christlich-konservativ“ geben, so suchen sie nach einer Würdigung des großen christlich-konservativen Dichters vergebens: Keine Analyse gilt dem „Radetzkymarsch“, den Feuilletons, dem Meister-Essay „Juden auf Wanderschaft“.

Aber nicht nur Joseph Roth und die anderen Klassiker der Moderne – auch Kurt Tucholsky haben die Schüler offiziell bis heute nicht kennengelernt: Ob die Pädagogen (an denen es doch liegt, daß man die Klassiker auch liest) den Satiriker von vornherein für unmoralisch und zersetzend halten? Nun, ein Studium der jetzt vorliegenden Ausgabe könnte sie eines Besseren belehren –

Kurt Tucholsky: „Gesammelte Werke“ in drei Bänden, herausgegeben von Mary Gerold-Tucholsky und Fritz J. Raddatz; Rowohlt-Verlag, Reinbek; je Band 64,– DM (vorläufig noch gültiger Subskriptionspreis: je Band 58,– DM).

Wie viele Fehlurteile werden in diesen, von Mary Gerold-Tucholsky betreuten und von Fri:z J. Raddatz mit Akribie, Takt und Umsicht edierten Konvoluten berichtigt, welche neuen Aspekte zeichnen sich ab!