Versuch, einer Bestandsaufnahme

Von Roland Nitsche

Was der Eiserne Vorhang ist, bleibt ungewiß. Nach der Überzeugung reisender Amerikanerinnen ist er ein Weltwunder des Grauens und muß unbedingt gleich nach der Ankunft in Österreich als erstes sightseeing genossen werden. Nach der kommunistischen Version ist der Eiserne Vorhang ein Beweis für die ungeheure Verlogenheit des Westens: Denn erstens gibt es ihn überhaupt nicht, und zweitens dient er nur zum Schutze der Volksdemokratien gegen amerikanische Spione und Saboteure.

Die Wahrheit liegt nun nicht etwa in der Mitte, sie liegt im Gegenteil in beiden Extremen zugleich. Wer an einem Tag, da im burgenländischen Seewinkel Minen explodieren, Schüsse knallen und um Hilfe rufende Flüchtlinge von beherzten österreichischen Zöllnern in die Freiheit gerissen werden –, wer an solch einem Tag im Wien-Budapest-Expreß bei Heygeshalom die Grenze überschreitet, erlebt – einen höflich lächelnden ungarischen Schaffner, der gute Reise wünscht, einen sich gleichsam entschuldigenden Zöllner, der gute Reise wünscht, einen Devisenkontrolleur und einen Funktionär, der zum Devisenwechsel einlädt, und die beide gute Reise wünschen. Dann ist der Eiserne Vorhang passiert.

Fremdenverkehr entdeckt

Ungarn hat den Fremdenverkehr entdeckt. „Ibusz“, das staatliche Reisebüro, läßt sich die Werbung „visit Hungary“ sauer werden. Das Visum wird besorgt, die Platzkarte und das Hotel werden gesichert, der Fremde braucht nichts als Devisen, dann ist der Grenzübertritt in das „Friedenslager“ ein helles Vergnügen. „Ibusz“ hat Erfolg. In den Ferienorten am Balatonsee (Plattensee), in Tihany, Keszthely, Balatonfüred, wimmelt es von bundesdeutschen, österreichischen, schweizerischen, englischen, italienischen Pkw. Es gibt eine Menge Leute, denen ein Urlaub mit Massenabspeisung in Ausländerhotels mitten zwischen Gewerkschaftsheimen und einer Strandpromenade mit landverschickten Jungkommunisten und Bergarbeitern acht Dollar am Tag wert ist.

Die amtliche Statistik, die wahrhaftig nicht zur Untertreibung neigt, meldet für das letzte Jahr 520 000 Ausländer-Einreisen, davon 280 000 im Transit, auf Konto Fremdenverkehr verbleiben also nur 240 000. Im ganzen Jahr reisten aus dem Westen ein: 25 000 Österreicher (vielfach Delegationen der KPÖ), 8000 Bundesdeutsche, 3000 Amerikaner, weniger als 2000 Schweizer. Wie gesagt: Ungarn hat den Fremdenverkehr entdeckt und pflegt ihn als „unsichtbaren Export“, da ja der zweite Fünfjahresplan, der am 1. Januar 1961 den Dreijahresplan abgelöst hat, den Export besonders forciert.