Was sich in diesem Jahr internationale Filmwoche“ nannte, wurde nicht mehr von der Stadt Mannheim allein getragen. Der Verband der Deutschen Filmclubs mischte bei der Auswahl des Programms kräftig mit. „Einen Überblick geben über das internationale Schaffen auf den Gebieten des Kurzfilms aller Spielarten, des abendfüllenden Dokumentarfilms und – als Neuigkeit – die ersten Spielfilme von bisherigen Dokumentarfilmregisseuren“, das nannte der Festspielleiter Talmon-Gros noch im Juli als sein Ziel. Bei Tisch selbst ließ sich dieses Ziel eben noch ahnen. „Tobby“, dem ersten Spielfilm des 26jährigen Hansjürgen Pohland, ging Pohlands Kurzfilm „Mit 18 nach 18“ voraus. Ein Einfall, von dem man gewünscht hätte, er wäre System gewesen. Doch hielt man es gemeinhin mit dem Gegenteil.

Man zeigte Michel Drachs „Le temps d’aimer“, ohne auch nur zu erwähnen, daß Drach als Kurzfilmer begann. Man zeigte von Karel Reiz „Time off“, einen schwachen Kurzfilm, ohne anderer Arbeiten zu gedenken, geschweige denn auf Saturday night and Sunday morning“ hinzuweisen. Stellte man Kent Mackenzies „The exiles“ immerhin als „den ersten Spielfilm“ dieses Regisseurs vor (nur kann man „Exiles“ kaum einen Spielfilm nennen), so dachte man nicht daran, diesen bei uns Unbekannten noch mit wenigstens einem anderen Film zu Wort kommen zu lassen.

Daß die meisten der jungen französischen Regisseure als Kurzfilmer begannen, wurde zwar im Frühjahr in Oberhausen einem breiteren Publikum offenbar, in Mannheim scheint man’s indes noch nicht vernommen zu haben. So warf man den Gästen dieser Woche dort lose Brocken vor, wo man sehr wohl die Chance gehabt hätte, Zusammenhänge zu zeigen. Daß unter den Brocken Achtenswertes, zuweilen gar Beachtliches war, das ist ein anderes Ding und riecht, angesichts der hartnäckigen Planlosigkeit, die herrschte, fast nach Zufall.

Man ist dankbar, erstmals in Deutschland die Bekanntschaft mit Jean Rouchs und Edgar Morins „Chronik eines Sommers“ gemacht zu haben. Man zollte Armand Gattis „Verschlag“, einer leider allzu konstruierten Antifa-Geschichte, achtungsvoll Beifall. Man hatte seinen stillen Spaß an den „Dents du Singe“ von René Laloux, der uns an Hand naiv-surrealer Zeichnungen einen Blick in die Welt der Geisteskranken tun ließ und zugleich ein anrührendes Märchen erzählte.

Tadeusz Makarczynski, der uns in Oberhausen mit seinem Montagestreifen „Das Leben ist schön“ heilsam schockierend auf die Gefahr der Bombe hinwies, vermochte mit „Nacht“, einer teils peinlich allegorischen, teils unglücklich stilisierten Reminiszenz an den Zweiten Weltkrieg, leider nicht zu überzeugen. Um so aggressiver und überzeugungskräftiger wies dafür des Engländers John Krish „Let my people go“ auf die Unmöglichkeit der südafrikanischen Apartheids-Politik hin. Selten gingen schärfste Polemik und kühlste Dokumentation so meisterlich zusammen.

Die „Notes sur l’emigration“ von Grave und Brunatto, Notizen über die Emigration aus dem Franco-Spanien dieser Tage, zeigten sich zwar nicht minder entschieden in ihrer Parteinahme gegen das Regime, blieben indes blasser.

Nennt man noch Jean Hermans „La Quille“, so hat man auch schon die Filme, die einen mit Mannheim zu versöhnen vermögen. „La Quille“, das höchst sensible und skizzenhafte Porträt eines jungen Mannes, der aus dem Algerienkrieg heimkehrt nach Paris, fand leider wenig Liebe bei Publikum und Kritik. Wir bedauern, das sehr, hat doch eben dieser Vierzehn-Minuten-Film sein Thema, die Frustration eines jungen Franzosen, der unterm Alpdruck des Algerienkrieges leidet, filmisch so vollendet ausgeschöpft, wie dies in der V. Republik – wenn überhaupt – nur möglich ist. Martin Ripkens

„Die jungen Wilden“ (USA; Verleih: United Artists): Im New Yorker Ostend haben drei junge Italiener einen blinden Portorikaner ermordet. Doch Mörder wie Ermordeter, Ankläger wie Angeklagte sind gleichermaßen Opfer ihrer Uneinsichtigkeit – das ist das Plädoyer, dank dessen Staatsanwalt Bell die Jungen vorm Elektrischen Stuhl bewahrt. Bell, der zuerst die Todesstrafe forderte, mußte am eigenen Leibe erfahren, wie sehr auch er noch der Angst und dem Haß verhaftet ist. Zwar ist er arriviert, doch immer noch. Sohn eines italienischen Einwanderers, zwar wohnt er im feineren Viertel, doch immerhin ist er groß geworden in Harlem. Als er gar erkennt, wie er um ein Haar zum Totschläger geworden wäre, wird er einsichtig und begreift, daß er für seinen machthungrigen Chef, der sich von einem populären Todesurteil Erfolg bei der Gouverneurswahl erhofft, nur ein Werkzeug ist. – Im Formalen hat: sich der junge John Frankenheimer mit diesem seinem zweiten Film, in dem er die Hektik eines Kazan noch überbietet, zweifellos übernommen. Doch besticht die Akribie, mit der hier das Klischee von den Unschuldigen, die den Schuldigen gegenüberstehn, aufgehoben wird. rpk