N. A. London, im November

Sogar die Engländer beginnen allmählich, sich ernsthaft über die Kampfkraft ihrer Rheinarmee und über den NATO-Beitrag ihres Landes Sorge zu machen. Journalisten und Politiker kamen von den letzten Manövern in Deutschland mit alarmierenden Nachrichten zurück: Die Armee sei, was die Mannschaftsstärke angehe, zu schwach und sie verlasse sich zu sehr auf Atomwaffen. Und diese Klagen wurden den Berichterstattern nicht etwa von mißvergnügten NATO-Partnern eingeflüstert, sie wurden von hohen Offizieren seiner Majestät in die Presse lanciert. Auf jeden Fall erwartet man schon für die nächsten Tage eine heftige Unterhausdebatte über die englische Verteidigungspolitik.

Die Minen für diese parlamentarische Schlacht hat Gaitskells Stellvertreter, George Brown, gelegt. Am Wochenende war der stellvertretende Labour-Chet höchst erregt aus Deutschland zurückgekehrt und hatte den Reportern schon am Flughafen erklärt, die Rheinarmee sei zahlenmäßig zu schwach und keinesfalls dafür gerüstet, einen konventionellen Krieg zu führen. George Brown hat eine Anfrage zu diesem Thema im Unterhaus eingebracht; Verteidigungsminister Watkinson wird sie beantworten. Freilich wird der Minister nicht nur den Labour-Sprecher zufriedenstellen müssen, sondern auch – was mindestens ebenso schwierig ist – die Amerikaner, deren Kritik in den letzten Wochen immer schärfer geworden ist.

Der Besuch des stellvertretenden amerikanischen Verteidigungsministers Roswell Gilpatric war für die englische Regierung höchst unerfreulich. Er brachte letzte Woche nach Gesprächen mit General Norstad die Überzeugung mit, England müsse unverzüglich etwas unternehmen, um seine militärische Schlagkraft zu verbessern. Und er reiste ab mit dem Eindruck, in England gehe man höchst widerwillig an diese Aufgabe heran.

Gilpatric hatte zunächst die Ansicht vorgetragen, es sei eine Sünde wider das NATO-Evangelium, Kernwaffen als adäquaten Ersatz für mangelnde Truppenstärke zu betrachten. Die englische Regierung indes scheint – da diese Sünde immerhin den Vorteil hat, wesentlich billiger zu sein – dieser Meinung nicht ganz folgen zu können.

Weiter kritisierte Gilpatric die schwerfällige Maschinerie, deren sich die Engländer bedienen müssen, wenn sie ihre Truppen verstärken wollen. Die Amerikaner schafften es, in zehn Tagen eine ganze Division gefechtsbereit nach Europa zu bringen, erklärte Gilpatric. Die Engländer aber hätten gegenwärtig überhaupt nur 46 000 Mann, die sie einsetzen könnten. Bis sie aber einsatzbereit seien, vergehe viel zuviel Zeit.

In der Eröffnungssitzung des englischen Unterhauses wurde nun angekündigt, daß für einen Teil der jetzt dienenden Engländer die Dienstzeit um 6 Monate verlängert werden soll. Es ist indes keine Rede davon, daß die allgemeine Wehrpflicht wieder eingeführt wird, doch daß alle 46 000 Soldaten, die jetzt am Ende ihrer zweijährigen Dienstzeit stehen, ein halbes Jahr länger Uniform tragen müssen. Nur Spezialisten müssen länger dienen.