Wieder ein anderer Schauplatz: Facharbeiter eines westdeutschen Mammutbetriebes, Männer gesetzter Jahre in der Mehrzahl, Kriegsteilnehmer, gewerkschaftlich organisiert, fünf von acht sind SPD-Wähler – oder Mitglieder –, es sind politisch geschulte Köpfe. Drei erklären sich als „unabhängig“, einer von ihnen gesteht, „zum

erstenmal die SPD gewählt zu haben“.

Sie verdienen meist gut, sie geben’s auch zu, aber sie wehren sich gegen die Annahme, Krösusse des Wirtschaftswunders zu sein. „Die Hilfsarbeiter verdienen besser als wir“, sagen alle übereinstimmend – und: „Wo Mann und Frau arbeiten, sieht’s zu Hause gut aus, und man kann sich etwas leisten. Wo aber nur der Mann arbeitet und die Frau kleine Kinder versorgen muß...“

Der 36jährige Heinz P., Vater zweier Kinder, bietet sich als Beispiel an: „Ich verdiene 726 DM brutto, 130 DM gehen für Miete weg – sozialer Wohnungsbau –, 80 DM wöchentlich brauche ich für den Haushalt, 20 DM für Fahrgeld, mir bleibt ein Spielraum, nun, rechnen Sie sich das aus. Der Anzug, den ich trage, ist mein einziger guter Anzug. Mein einziger Luxus ist der monatliche Beitrag für den Buchklub: 4,20 DM.“

Aber gelesen hat er – und gelesen haben auch die anderen. Diese Arbeiter ziehen blank, sobald man ihnen eine Frage stellt, und sie führen eine scharfe Klinge.

Koalitionsverhandlungen: „Verheerender Personenkult... Wir erleben eine Neuauflage von Weimar... Es ist nicht Wille des Volkes, daß eine Partei allein regiere, wir brauchen ein Allparteien-Kabinett...“ Einer widerspricht: „Das sehe ich nicht ein. Wir, die SPD, haben nur zu gewinnen, wenn wir weitere vier Jahre warten. Wir sind die einzigen, die eine saubere Weste behalten.“ Weiter: „Nicht die FDP ist umgefallen, sondern die CDU, indem sie wieder Adenauer herausstellte.“

„Mir ist Adenauer immer noch lieber als Erhard, bei dem würde die FDP noch stärker werden.“ Plötzlich ist der „Klassenfeind“ da (darf man das noch sagen?) – die FDP. Gegen die sind sie alle. „Ihr Auftraggeber ist die Industrie, Mende kann doch gar nicht so, wie er vielleicht will.“ – „Die Arbeitnehmerschaft wird in jedem Falle die Zeche für diese Koalition bezahlen müssen. Nur merken’s die Angestellten noch nicht, aber auch sie werden die Lackierten sein.“