Ein Volkspolizist darf keinen Befehl verweigern. Denn er würde sonst des Volkes Befehl verweigern!“ So sagt Ulbricht. Aber wer ist denn dieses Volk? Wo wird des Volkes befehlende Stimme laut? Ulbricht würde keinen Augenblick zögern, auf diese Frage zu antworten: „Wir: die Partei! Ich: der Generalsekretär!“ Und nach dieser Erklärung wäre jede weitere Diskussion überflüssig.

Vielleicht zeigt nichts so die Erniedrigung des Volkes wie der Zynismus, mit dem Parteifunktionäre sich anmaßen, „im Namen des Volkes“ zu sprechen. Seit jeher gab es Tyrannen, die im Volke nur „Plebs“ sahen: das Objekt ihrer Machtgelüste, das Instrument ihrer Willkür. Und sie machten gemeinhin aus ihrer Verachtung keinen Hehl.

Auch das Wort „Der Staat bin ich!“ ist nicht neu. Der es sprach, sah im Volke eben das unmündige Kind, dem er, König von Gottes Gnaden, als gestrenger Patriarch zu gebieten hatte.

Auch Demagogen gab es seit alters her. Männer, die es verstanden, dem Volke zu schmeicheln, um es dem eigenen Willen gefügig zu machen. Aber sie legten immerhin Wert darauf, „mit Anstand“ zu betrügen. Sie hielten es für „unter ihrer Gaunerehre“, den Betrogenen merken zu lassen, daß man ihn an der Nase herumführe.

Dem Generalsekretär Ulbricht scheint solche Mühe unnütze Kraftverschwendung zu sein. Er hält es offenbar für reaktionär, von einer Lüge zu verlangen, daß sie wenigstens täusche. Er lügt, auch wenn jeder weiß, daß er lügt.

Und das ist eine Unverfrorenheit, die wirklich neu ist und zu den unbestreitbaren Errungenschaften der „Deutschen Demokratischen Republik“ gehört.

rocco