Der bedrohte Lebensabend – Arbeitsunfähig? Nein – aber Verlangen nach Ruhe

Es begann mit einem Wechsel der Schaufensterdekoration auch in so seriösen Läden wie den Apotheken. Wo früher verschämt ein Schildchen auf potenzstärkende Mittel hinwies oder der beschwörend erhobene Zeigefinger einer Krankenschwester den Damen das Leben zu erleichtern trachtete, werden jetzt ganz offen Medikamente angepriesen, die rechtzeitiges Vorbeugen gegen Alterserscheinungen empfehlen und deren Begleittexte schonungslos darauf hinweisen, daß wir alle älter werden; daß wir trotzdem weiterarbeiten und uns dafür fit halten müssen und daß wir lieber gar nicht an den geruhsamen Lebensabend denken, sondern ihn mit Hilfe eben jener Medizinen verdrängen sollen.

Daß dies nur ganz bedingt und lediglich bei sehr wenigen Menschen möglich ist, zeigt allein schon die Alterspyramide, jenes graphische Schaubild, mit dem die Statistiker die Stärke der einzelnen Altersgruppen eines Volkes darstellen. Die Spitze dieses Dreiecks, die den Anteil der über 65jährigen Menschen an der Gesamtbevölkerung veranschaulicht, war im Deutschland des Jahres 1910 noch sehr schmal. Fünf von hundert Menschen waren über dem Querstrich „älter als 65“ registriert. 1939 nahm diese Spitze schon 7,8 vH des gesamten Pyramideninhalts ein, und heute halten wir in der Bundesrepublik bereits bei 10,5 vH. Pessimistische Statistiker behaupten, daß um das Jahr 2000 herum dieses Dreieck bis zum Rechteck abgeflacht sein werde: dann seien die Anteile aller Altersklassen an der Gesamtbevölkerung etwa gleich groß.

Viel Geld für Pensionen

Diese zunehmende Zahl alter Menschen – vor allem eine Folge der fortgeschrittenen Medizin und Hygiene – hat denn auch immer wieder zu Einwänden dagegen geführt, daß die Menschen heute immer noch im Alter von 65 Jahren schematisch als – „arbeitsunfähig“ aus dem Berufsleben ausgeschlossen werden. Rüstige Fünfundsechziger sind damit gewaltsam zur Untätigkeit verurteilt, die zu einem psycho-physischen Kräfteverfall mit schnell folgendem Tod führen kann. Die starre Festsetzung der Altersgrenze hat allein schon erschreckende volkswirtschaftliche Folgen: Beispielsweise werden von den Personalkosten für Beamte mehr als die Hälfte für Ruhegelder und Pensionen ausgegeben; bei der Bundesbahn sind es sogar zwei Drittel.

Sollte man deshalb die alten Menschen länger produktiv arbeiten lassen, als es heute üblich ist? Es sind vor allem Ältere, die selbst gegen solche Erwägungen protestieren: Im Gegenteil müsse man das Pensionsalter für Männer auf 60, für Frauen auf 55 herabsetzen. Dann habe der Bürger gerade genüg geschuftet, sei lange genug „Ausbeutungsobjekt einer unersättlich raffgierigen Wirtschaft“ gewesen. Die allermeisten warteten – so wird argumentiert – doch sehnsüchtig auf die wohlverdiente Ruhe der späten Jahre, in denen sie endlich ihren Interessen leben und es sich auf bescheidene Weise gutgehen lassen könnten.

Es ist möglich, daß eine große Anzahl Alternder diese Auffassung vertritt. Eine kluge Dame sagte kürzlich in einem von Hunderten von älteren Frauen besuchten Vortrag, daß sie die Möglichkeit habe, rüstigen Interessentinnen die verschiedenartigsten Halbtagsarbeiten zu vermitteln. Doch gemeldet haben sich dann ganze drei.