Ein Vertreter der chilenischen Regierung befindet sich zur Zeit in Bonn, um die Möglichkeiten einer deutschen Kapitalhilfe zu erkunden. Man erwartet von der Bundesrepublik Darlehen im Umfang von 100 Mill. DM, haben doch der Internationale Währungsfonds, die USA-Regierung und nordamerikanischen Banken kürzlich 115 Mill. Dollar zur Verfügung gestellt. Deutschland steht im chilenischen Außenhandel an zweiter Stelle (nach den USA), und der Süden des Landes, der durch die Erdbeben verwüstet wurde, ist größtenteils von Deutschen besiedelt.

Die wirtschaftliche Basis Chiles – Kupfer, andere Metalle, Salpeter usw. – ist gut. Die riesigen Wälder liefern das beste Holz zur Papier-Erzeugung (eine sehr aussichtsreiche Chance für deutsche Investitionen übrigens). Noch immer verbrennen im Jahr sechsmal soviel Bäume im chilenischen Wald wie industriell genutzt werden! Ein führender Chilene sagte mir in Santiago: „Wir Chilenen wollen – mit der Mentalität des Spielers – groß, schnell und leicht verdienen. Niemand will den Wald für seinen Sohn.“

Das soziale Gleichgewicht ist aber – bei einem alarmierenden Gegensatz zwischen Reich und Arm – empfindlich gestört. Die chilenische Rechte ist ehrenhaft und auf politischem Gebiet tolerant, beides im Gegensatz zu vielen anderen lateinamerikanischen Staaten. Aber sie ist auf sozialem Gebiet „gefühllos“. Im Rahmen der technischen Hilfe sind deshalb Betriebsberater noch wichtiger als Ingenieure. Sie müßten vor allem das „Betriebs-Klima“ bessern helfen.

Die Streikwelle, die Mitte dieses Jahres Kupferminen, Stahlwerke und Eisenbahnen wochenlang lahmlegte, beruhte auf der wachsenden Not. Der Mindestlohn der Angestellten betrug 276 DM, der des Arbeiters 184 DM monatlich. Die Löhne sind in den letzten 2 1/2 Jahren zwar „nur“ um 20 vH, die Preise, die meist den bundesrepublikanischen entsprechen, aber um 50 vH gestiegen. Die Gewerkschaften verlangten also eine Lohnerhöhung von 38 vH, während Präsident Allessandri nur 8 vH bewilligen wollte. Schließlich trat die für seine Parlaments-Mehrheit unentbehrliche Mittelpartei der sog. „Radikalen“ nur unter der Bedingung in die Regierung ein, daß die Löhne um 16vH gesteigert werden. Hierdurch ist eine gewisse Beruhigung der sozialen und der politischen Situation erreicht worden.

Die chilenische Regierung hat ihren 10-Jahres-Plan längst vor der Konferenz von Punta del Este fertiggestellt, wenn sie ihn auch durch die Erdbebenkatastrophe erheblich ändern mußte. (Der Bevölkerungszuwachs ist stark. Die Zahl der Chilenen soll in dem nächsten Jahrzehnt von 7,6 auf fast 10 Millionen steigen.) Der Plan sieht die Aufwendung von 10 Milliarden Dollar vor, mit denen die Produktion von Kupfer um 50 vH, von Stahl um 60 vH und von elektrischer Energie um 130 vH erhöht werden soll. Die Bevölkerung ist stark unterernährt. Trotz den riesigen Meeresküsten reicht die Organisationskraft in Chile, wie in vielen anderen lateinamerikanischen Ländern, nicht zu einer angemessenen Entwicklung des Fischfangs, die zu einer wesentlichen Minderung der Ernährungskrise beitragen würde. Im Rahmen des 10-Jahres-Plans sollen die Chilenen 54vH mehr Milch, 15 vH mehr Eier und 25 vH mehr Gemüse verbrauchen können.

Im Mittelpunkt der Diskussion steht das Wohnungs-Problem. Nach dem 10-Jahres-Plan sollen über eine halbe Million Wohnungen errichtet werden. Präsident Alessandri sieht einen Erfolg seiner Regierung darin, daß in zwei Jahren über 25 000 gebaut würden. Die Opposition ist anderer Ansicht. Als die staatliche Wohnungsbau-Gesellschaft zwar schon 1959 Spargelder für den sozialen Wohnungsbau entgegennahm, aber ihn nicht begann, besetzten 3000 Familien das ihnen zugesagte Land in dem Santiagoer Stadtteil „Santa Adriana“ mit Gewalt und errichteten sich selbst Zelte oder andere Notwohnungen, vor denen sie die chilenische Flagge hißten. Der Oppositionsführer, der 52jährige Nervenarzt Senator Dr. Salvador Allende, eine führende Persönlichkeit der lateinamerikanischen Linken erklärte, diese Vorgänge stellten den Auftakt dessen dar, was geschehen würde, wenn die Regierung weiter unfähig sei, die akuten sozialen Probleme zu lösen.

Allende, der als Präsidentschaftskandidat 1958 mit nur 29 000 Stimmen unterlag, hat im Parlament auch die Nationalisierung der Kupferminen beantragt. Er hat vorgeschlagen, die nordamerikanischen Gesellschaften, von denen Anaconda Copper Weltruf genießt, durch Bonds mit 30jähriger Laufzeit bei 3 vH Zinsen zu entschädigen. Die chilenische Kupferproduktion arbeitet mit den geringsten Unkosten auf der ganzen Welt. Die Exportsteuer ist gleitend. Sie fällt mit steigender Produktion und liegt bei etwa 50 vH des Ertrags. Die Regierung will das Export-Volumen von 400 auf 600 Mill. Dollar erhöhen. Die nordamerikanischen Trusts machen die notwendigen Investitionen aber davon abhängig, daß die Regierung die Kupfersteuer 30 Jahre lang nicht erhöht.