dst, Marburg

Was soll ich denn als Soldat der Bundeswehr tun, wenn ich eines Tages, in einem Krieg, plötzlich einem Volksarmisten aus Dresden gegenüberstehe!“ Nur für einen kurzen Augenblick herrschte im Auditorium Maximum der Marburger Universität Totenstille. Dann aber gerieten die 230 Abgeordneten des 4. Jugendparlaments in Bewegung: die eine Hälfte klopfte Zustimmung, die andere jedoch zischte und scharrte mißbilligend. Und dabei war diese Frage, die ein Achtzehnjähriger gestellt hatte, die einzige harte, problematische Frage, die in diesem Parlament aufgeworfen wurde. Doch hundert jungen Leuten paßte sie nicht. Brannte sie ihnen etwa nicht auf den Nägeln?

„Sie haben da wohl eine vorgefaßte Meinung“, antwortete später Jürgen Werner, Parlaments-Präsident und selbst ein Zonenflüchtling. „Sie übertreiben diese Reaktion“. Auch dieser aufgeweckte, durchaus erfahrene Jung-Parlamentarier wollte das verwunderliche Mißtrauen zu der Frage des Achtzehnjährigen unter den Tisch fallen lassen. Diese Frage stand nicht zur Debatte – das war es wohl.

Sie hatten sich für dieses Wochenende ein anderes Thema ausgedacht – die 230 Oberschüler, Bergbaulehrlinge, Studenten und Textilarbeiterinnen aus den Wohnheimen und Klubs des „Christlichen Jugenddorfwerkes Deutschlands“. Es hieß: „Miteinander leben – füreinander leben“. Und dazu schien diese eine Frage des Achtzehnjährigen nicht zu gehören. Überhaupt fand das „4. Marburger Jugendparlament“, das sich die Jungen ausgedacht hatten, in einer sauerstoffarmen Luft statt, unter einer Glasglocke gleichsam, abgeschirmt von den Drohungen und Anfechtungen der Außenwelt. Die Augenblicke, wo sie sich einmal „in die Wolle kriegten“, wo ihre Meinungen aufeinanderprallten, wo sie ihrem Herzen Luft machten – sie konnten an den Fingern einer Hand aufgezählt werden: Aus der „skeptischen Generation“ ist eine „apathische Generation“ geworden. Das zeigte sich, zum Erstaunen so mancher Erwachsenen, die als Gäste den Diskussionen und Debatten in den verschiedenen Ausschüssen zuhörten, selbst bei diesen Jugendlichen, die es sich gerade vorgenommen haben, nicht den Mund zu halten, nicht abseits zu stehen, nicht gleichgültig zu sein. Diese 230 Abgeordneten aus den Wohnheimen und Schulen des Jugenddorfwerkes wollen ihren Altersgenossen mit diesem Parlament ein Beispiel geben, wollen zupacken, wollen sich den Problemen stellen.

Vielleicht war tatsächlich diesmal nur das Thema schuld daran, daß es in den Hörsälen der Marburger Universität, wo sie drei Tage lang miteinander debattierten, nicht knisterte, daß zwar viel von „Auseinandersetzungen“ geredet wurde, aber sich kaum einer mit dem anderen istritt. Es fehlte das passende „Gegenüber“, es fehlten die Angegriffenen, auch die Korrektoren. Sie waren da, saßen in den hinteren Bänken und hörten zu – die Älteren, die Studienräte, Sozialpädagogen, Institutsleiter. Aber sie durften sich nicht zu Wort melden. „Das Marburger Jugendparlament“ ist nur eine Sache der Jungen. Und vielleicht ist gerade das sein Handikap.

„Wenn Sie hier was erleben wollten, dann hätten Sie beim letzten Mal, im vorigen Jahr dabei sein sollen. Damals hatten wir den Minister Würmeling zum Vortrag hier. Was meinen Sie, was da los war. Da stand einer von uns auf und sagte Würmeling auf den Kopf zu: „Herr Minister, Ihre Rede hat mir nicht gefallen!“ Diese Erinnerung an das „3. Marburger Jugendparlament“ war als ein Trost für das Vierte gedacht. Aber es war keiner. So demokratisch es dort auch immer zugehen mag, so ernst es diese Jung-Parlamentarier auch stets mit ihren Zusammenkünften meinen, soviel Mühe sie sich auch bei jedem Mal geben – sie sollten in Zukunft auch die Älteren, ihre „Widersacher“, als Partner zu Wort kommen lassen – nicht um mit ihnen zu streiten, nicht etwa, um sich von ihnen belehren zu lassen, wohl aber, um einen handfesten Dialog zu führen, bei dem dann beide etwas lernen könnten – die Jungen und die Erwachsenen. Ein „Jugendparlament“ bliebe es auch dann noch. Es ginge vielleicht noch mehr aus seiner Reserve heraus.

Spöttisch meinte Präsident Werner zu Beginn dieses vierten Parlaments: „In Bonn, da gibt es zu viele Bahnschranken. Und die sind immer runtergelassen. Hier aber, bei uns, da sind die Meinungsschranken hoch.“ Am Ende aber zeigte es sich, daß fast niemand diese günstige Gelegenheit ausgenutzt hatte. Die Umwege waren den jungen Parlamentariern diesmal lieber gewesen.