Vor kurzem erschien in einer deutschen Zeitung eine Betrachtung über die Wandlung des Rennfahrertyps im Motorsport, die versuchte, in dem englischen Klassefahrer Stirling Moss das Porträt einer neuen Rennfahrergeneration zu schildern, die sich eher als eine kaufmännische Gesellschaft mit beschränkter Haftung erweise, als daß sie den Draufgängertyp des Individualisten von gestern und vorgestern verkörpere. Aus englischer Sicht wirkt eine solche Charakterisierung von Stirling Moss nicht ganz überzeugend.

Wie ist es nun um diesen dreißigjährigen Rennfahrer bestellt, der einer der großen Fahrer ist, die am Leben geblieben sind?

Stirling Moss hat seit 14 Jahren an mehr als 500 Rennen teilgenommen, wohl die Hälfte davon gewonnen und dreimal soviel Geld mit Autorennen, Sportbüchern und hochbezahlten einmaligen „Auftreten“ verdient als irgendein anderer Rennfahrer. Sein jährliches Einkommen wird auf ungefähr 600 000 Mark geschätzt. In England gilt Moss als eine nationale Figur, die nur etwas weniger bekannt und bewundert ist als die Königin selbst.

Alles, was er unternimmt, ist eine Schlagzeile in der Presse wert. Nimmt Moss nicht an den großen Rennen um die Weltmeisterschaft teil, dann berichten die Zeitungen über seine überraschend oft mißglückten Geschäftsunternehmungen, über seine zerbrochene Ehe, seine Strafmandate, die ihm die Polizei für zu schnelles Fahren aufbrummt, oder über die vielen anderen Strafanzeigen, die gegen ihn vorliegen – gleichgültig, ob er eine moderne Heizung nicht bezahlt hat oder einen Straßenpassanten unglücklicherweise überfahren hat. Der Nachrichtenwert von Stirling Moss ist gegenwärtig unschätzbar.

Wahrscheinlich hat niemals ein Rennfahrer sein Metier mehr geliebt als Moss, aber auch wohl kaum teurer für diese Liebe zahlen müssen, wenn man sie in Zeit, zurückgelegten Meilen, überlebten Unfällen und erlittenen körperlichen Verwundungen bemißt. Vielleicht hat Moss weniger Unfälle als andere Rennfahrer erlitten, wenn man sie im Verhältnis zu den gefahrenen Rennmeilen betrachtet. Aber Moss ist ebenso viele Rennen mehr als sie gefahren, daß die Unfälle, die ihm passiert sind, viel sensationeller wegen der erhöhten Schnelligkeit und erschreckender wegen seiner überlegenen Kunstfertigkeit verlaufen sind. Moss gilt heute als der beste Rennfahrer unter seinen Kollegen, ohne bisher die Weltmeisterschaft gewonnen zu haben. Eine patriotische Vorliebe für britische Rennwagen, Verträge mit Benzin- und Ersatzteil-Firmen, seine eigene Hartnäckigkeit in der Wahl seiner Wagen haben bisher seine Chancen recht eingeschränkt, so daß er zweitklassige Wagen so waghalsig gefahren hat, daß er entweder mit ihnen gewonnen oder mit ihnen Bruch gemacht hat.

„Einen Rennwagen durch eine Kurve, die auf beiden Seiten von grünem Rasen begrenzt ist, mit Maximalgeschwindigkeit zu lenken, ist schwierig genug. Aber den gleichen Wagen mit gleicher Geschwindigkeit durch eine Kurve zu bringen, die auf der einen Seite eine Wand aus Ziegelsteinen, auf der anderen einen schieren Absturz zum Meer besitzt, ja – das ist eben eine Leistung!“ Moss kann sich wahrlich nicht über seine Leistungen beschweren. Er hat mit fünf verschiedenen Marken mehr als 15 Grand Prix gewonnen, darunter mit Cooper- und Lotoswagen, die noch nicht einmal einer Fabrik gehören oder von einer solchen ausprobiert worden sind.

Er ist deswegen besonders stolz darauf, von den großen Autofirmen unabhängig zu sein, und imstande, die beste Konkurrenz mit einem Wagen zu schlagen, den ihm Freunde konstruiert haben und der ihm gehört. Bevor Moss 25 Jahre alt war, hatte ihn die Abfassung seiner Bücher – er hat bisher sechs veröffentlicht, die er selbständig verfaßt hat – bereits unter seinen Kollegen hervorgehoben. Seine Bücher sind bisher in mehr als 150 000 Exemplaren in vielen Sprachen verkauft worden. Er schreibt sie nicht auf der Maschine, sondern spricht sie auf Band, so daß ein Buch nur dreieinhalb Tage zu „schreiben“ gekostet hat. Moss hat die Erfahrung gemacht, daß der ausländische Absatz seiner Bücher durch seine ausländischen Starts gefördert wird. Der erhöhte Umsatz seiner Bücher aber hat seinen Ruf derartig erhöht, daß er heute jedes Startgeld verlangen kann, das ihm mit diesem Absatz im Einklang zu stehen scheint.