Die Geschichte der Gesellschaft „Freies Fernsehen“

Von Guido Bagier

Mit der Vereinbarung über die Errichtung einer „Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland“, die auf Drängen Dr. Hans Bredows am 9. Juni 1950 zwischen den Rundfunkanstalten getroffen wurde, begann die Tragikomödie, die bis in unsere Tage sich zur Freude mancher Parteien, zur Trauer der Förderer geistiger Freiheit und zum Erstaunen vieler Freunde des Hör- und Bildfunks bis zum heutigen Tage fortsetzte. Wer rückblickend die Entwicklung des Rundfunks verfolgt, dessen Organisation von den einstigen Besatzungsmächten ins Leben gerufen und lizenziert worden war, kommt zu dem Ergebnis, daß hier durch übergroßes Streben nach Partikularismus und heftiger Angst vor einem vernünftigen Zusammenschluß – bei übrigens vielfältigen und wohlverdienten Erfolgen – reiche Möglichkeiten übersehen und starke Kräfte brachgelegt wurden. Da war die heftige Rivalität der Länder, ihr ständiges Pochen auf eine ihnen allein zustehende Kulturhoheit, die Vergeudung großer Geldmittel durch den Aufbau elf regionaler Verwaltungskörper. Aber lassen wir das! Beschäftigen wir uns statt dessen mit der letzten Entwicklung des Fernsehens und mit dem „Freien Fernsehen“. Wir werden sehen, wie durch den Kampf zwischen Bund und Ländern, zwischen Föderalismus und Bundesstaat gute Ideen zerrieben, in ihr Gegenteil verkehrt wurden und wie eine Verwirrung entstand, die beispielhaft für die Unfähigkeit ist, Erfordernisse der Technik und der Produktion auf einen Nenner zu bringen. Schon zeichnet sich auch beim Aufbau des Zweiten Fernsehprogramms, das den Ministerpräsidenten der Länder unterstehen wird, eine Situation ab, die Schlimmes befürchten läßt.

Die Vorgeschichte ist kurz: Der Fernsehvertrag der Länder vom 27. März 1953 war durch den „Gesetzentwurf über die Wahrnehmung gemeinsamer Aufgaben auf dem Gebiet des Rundfunks“, vorgelegt vom damaligen Bundesinnenminister Dr. Lehr, veranlaßt worden. Man wollte vollendete Tatsachen schaffen: Nach Ziffer 5 des Vertrages wurden die zur Herstellung eines gemeinsamen Programms notwendigen Beiträge der einzelnen Anstalten nach folgendem Schlüssel verteilt: Norddeutscher Rundfunk und Westdeutscher Rundfunk je 23 vH., Bayerischer Rundfunk 18 vH., die übrigen vier Anstalten (außer Bremen und Saargebiet) je 9 vH. Damit wurde ein Schema festgelegt, das die einzelnen Beiträge ohne Rücksicht auf Qualität übernehmen mußte. Ein Koordinator sollte dafür sorgen, die Programmangebote zu „koordinieren“, das heißt: Dubletten und Überschneidungen zu vermeiden.

Unter zentraler Flagge

Wie seine Tätigkeit in der Theorie steckenblieb, ist Eingeweihten bald bekanntgeworden. Mittlerweile wurden immer größere Geldsummen eingesetzt, um in sieben selbständigen Fernsehstudios dieses Programm zu produzieren. Heute sind mehr als 12 000 Personen in diesen Abteilungen tätig. Das föderalistische Prinzip unter zentraler Flagge hatte gesiegt. Auf Grund eines uneingeschränkten Monopols verfügt man angesichts der ständig steigenden Fernsehteilnehmerzahl über Einnahmen aus 5-DM-Gebühren von mehr als 440 Millionen DM, nach Abzug des Anteils der Post. Hinzu treten Einnahmen aus dem Hörfunk von etwa 300 Millionen Mark, so daß die Rundfunkanstalten 1960 insgesamt über rund 740 Millionen Mark disponieren konnten. Grund genug, sich gegen alle Kräfte zu wehren, die dieses einzigartige Monopol in irgendeiner Weise zu stören oder gar zu beseitigen versuchten.

Aber eben diese Störung setzte von einer Seite ein, der es zunächst gar nicht auf die Gebühren der Fernsehteilnehmer ankam, sondern die grundsätzlich gesonnen war, sich selbstä-dig durch die Fernsehwerbung zu finanzieren und eine rein privatwirtschaftliche Organisation aufzuziehen, wobei nach dem Vorbild der englischen ITA (Independant Television Authority) eine nicht unbeträchtliche Gewinnchance zu erwarten war. Der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger gründete am 8. August 1956 die „Studiengesellschaft für Funk- und Fernsehwerbung e. V.“ mit dem Sitz in Frankfurt am Main. Beteiligt waren die „Pressevereinigung für neuzeitliche Publikationsmittel“ (als Organ des Zeitungsverleger-Verbandes), der Bundesverband der Deutschen Industrie, der Markenverband, der Verband Deutscher Werbungsmittler und Werbe-Agenturen. Vorsitzender war als Präsident des Markenverbandes Reinhold Krause, Wiesbaden, Geschäftsführer waren Dr. habil. Gerhard Eckert und Edgar Scholz, beide bekannte Experten auf dem Fernsehgebiet.