Der Burmese U Thant – Buddhist, Lehrer, Diplomat und vielleicht künftiger UN-Chef

New York, im November

Zwei unförmige, auf der Brust behaarte Männer treten sich in den Bauch, drehen sich die Arme um, rammen einander die Schädel in den Leib und fallen endlich erschöpft auf die Matte. Es ist 22 Uhr. Im amerikanischen Fernsehen hat die Stunde der Freistilringkämpfe geschlagen, die hierzulande Millionen an die Bildschirme fesselt.

Unter diesen Millionen ist allabendlich auch ein untersetzter, feingliedriger, sanftäugiger Burmese: U Thant, außerordentlicher Bevollmächtigter Burmas bei den Vereinten Nationen. Es ist das Hobby dieses Diplomaten, starke Männer kämpfen zu sehen, von denen er weiß, daß sie sich ernsthaft nicht wehtun.

Als Buddhist der Friedfertigkeit verschworen hat U Thant seit 1957 in den Vereinten Nationen zahllose diplomatische Freistilkämpfe miterlebt, und bei einigen war er der Schiedsrichter. Erziehung und Erfahrung formten ihn zu einem Politiker der „radikalen Mitte“ – wie es einige der wenigen UN-Diplomaten spöttisch formulieren, die sich dagegen wehren, daß U Thant als amtierender Generalsekretär Dag Hammarskjölds Nachfolge antreten soll.

Die Amerikaner, die wußten, daß sie keinen weiteren Europäer und schon gar keinen neuen Hammarskjöld auf den wichtigsten Stuhl der Weltorganisation plazieren konnten, griffen bereitwillig den Vorschlag einer zunächst asiatischen, dann afrikanisch-asiatischen Gruppe auf, den Burmesen U Thant zu nominieren. Er erscheint ihnen von allen anderen, die zur Auswahl standen – Tunesiens Mongi Slim, Indonesiens Dr. Ali Sastroamidjojo und Indiens B. K. Nehru, dem Vetter Jawaharlal Nehrus und Botschafter in Washington – noch der am wenigsten anti-amerikanische Anwärter.

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