Zu dem in der vergangenen Woche veröffentlichten Artikel: „Der Wohlfahrtsstaat kollidiert mit der Freiheit“ wird uns von dem Autor des in diesem Artikel angesprochenen Buches geschrieben:

Wolfgang Krüger hat in der ZEIT mein Buch „Der moderne soziale Konflikt“ so ausführlich und im wesentlichen auch so treffend besprochen, daß ich ihm viel Dank schulde. Wenn ich trotzdem den Wunsch habe, auf einige seiner kritischen Bemerkungen zu antworten, so deswegen, weil ich den Wert einer positiven, das heißt förderlichen Kritik sehr hoch einschätze.

Seit vor vielleicht neun oder zehn Jahren ein bekannter Theologe mich in einer Diskussion mißverstand und mir zurief, ich versuchte menschliche Probleme mit Rezepten zu lösen, bin ich nicht müde geworden, vor diesem Mißverständnis zu warnen. Ich muß es also auch jetzt wieder tun, nachdem Wolfgang Krüger gemeint hat, ich hätte einige „an sich richtige und wesentliche Erkenntnisse zu einem Patentrezept zusammengemischt“.

Ich habe Leopold von Wiese mit dem Satze zitiert, „daß in den Worten Abhängigkeit und Selbständigkeit der Hauptinhalt aller sozialen Problematik eingeschlossen ist“. Diese Erkenntnis ist unter Soziologen nicht neu. Die industrielle Praxis hat aber in der Hoffnung, dadurch die Produktivität steigern zu können, diese Erkenntnisse beiseite geschoben und damit die soziale Problematik von Abhängigkeit und Selbständigkeit zu einem wirklichen Konflikt verschärft, der uns allen in einer kritischen Situation die Freiheit kosten kann.

Diesen modernen sozialen Konflikt gilt es zu lösen. Und wenn an meinem Buche etwas neu ist, so dieses, daß es praktisch erprobte Möglichkeiten gibt, diesen modernen sozialen Konflikt zu lösen und zugleich oder vielmehr gerade dadurch die Produktivität weiter zu steigern. Das wird an zahlreichen Beispielen aus meiner betriebssoziologischen Beratungspraxis und aus der ausländischen Literatur gezeigt. Daß es notwendig war, so viele Beispiele vorzuführen, zeigt eben gerade, daß es kein Rezept gibt. Man muß den konkreten Einzelfall untersuchen, den einzelnen Betrieb, die einzelne Abteilung, unter Umständen die einzelne Arbeitsgruppe. Dann läßt sich für den konkreten Einzelfall auch eine konkrete Lösung finden.

Aber es bedarf, wenn man eine Lösung finden will, einer bestimmten Haltung. Man muß sich Mühe geben, das Äußerste an Selbständigkeit herauszufinden, das in einer gegebenen technischen und soziologischen Situation in einem solchen konkreten Einzelfall erreichbar ist. Daß damit nicht jede „Fremdbestimmung“ beseitigt wird, ist schon deswegen klar, weil letztlich der Verbraucher bestimmt, was produziert werden soll, nach Menge und Beschaffenheit. Niemand will Anarchie. Ich haben Eugen Rosenstock zugestimmt, der 1922 von dem Arbeiter schrieb: „An seinem Arbeitsplatz will er Sachwalter sein können, schalten und walten können. Mag dann dieser Platz klein oder groß sein! Das ist ihm selbstverständlich, daß nicht für jeden ein Riesenstück herausgeschnitten werden kann... Aber, befreit den Arbeiter in seiner Arbeit von dem Druck der Bevormundung, bloß militärischer Behandlung, und alles andere wird gleichgültig, was heute als Umweg versucht wird.“

Ich meine nicht, daß diese Bevormundung immer die Auswirkung von Herrschsucht oder des Wunsches nach Vergrößerung der sozialen Distanz sei. Es gibt auch „Diktatoren aus gutem Herzen“ (bei weiblichen Vorgesetzten angeblich doppelt so häufig wie bei männlichen). Aber gleich welche Ursache vorliegt: die Haltung, die man dem Willen zurBevormundung – nicht nur im Betrieb, sondern auch im Staat – entgegenstellen muß, steht im Matthäusevangelium, 22. Kapitel Vers 39. Man wird mir hoffentlich keine falschen Vergleiche unterstellen, wenn ich der Ansicht Ausdruck verleihe, das Christus mit dem Satz: „Du sollst Deinen Nächsten lieben wie Dich selbst“ auch kein Patentrezept gegeben hat.