Es ist alles ganz anders, und zwar viel kampliIzierter. Die "Gruppe 47" heißt gewiß "47", weil sie im Jahre 1947 in die deutsche Literatur eingeführt wurde; aber wie das Wort "Gruppe" dabei zu verstehen ist, kann nicht mit gleicher Heeresdienstvorschriften Präzision definiert werdea Mag sie Außenstehenden, als eine "Cliqte" erscheinen, mag sie intern als "Freundeskreis" verharmlost werden —, der Wahrheit kommt noch immer am nächsten, wer in ihr nichts anderes sieht als ein alljährlich stattfindendes Treffen deutscher (und einiger ausländischer) Schriftsteller, dessen zunächst ganz unbeabsichtigte Folge es war, daß man heute wieder von einer "deutschen Literatur" reden kann — wie immer man diese Literatur dann beurteilen mag.

Daß es möglich war, Schriftstellern, diesen von jeher eigenwilligsten und empfindlichsten aller Zeitgenossen, jenes Minimum an Solidarität abzugewinnen, welches notwendig ist für ein solches jährliches Zusammentreffen, ist kaum zu fassen. Wie es möglieh wurde, ist eine lange Geschichte, die — von berufener Hand geschrieben — zum fünfzehnjährigen Bestehen der Gruppe als Buch erscheinen soll. Ein großer Teil dieser Geschichte hätte in einer Monographie des Mannes zu bestehen, durch den es möglich wurde: Hans Werner Richter < Zur Gruppe 47 "gehört" niemand — sie ist kein Verein, sie hat keine Mitglieder, keine Satzungen; zur Gruppe 47 gehört drei Tage lang (mehr oder minder) jeder, der von Hans Werner Richter eingeladen worden ist, dabei zu sein.

Etwa sechzig Leute — Dichter, Schriftsteller, Literaten, Journalisten — gehörten am letzten Wochenende dazu, indem sie einer Einladung folgten, im ehemaligen Jagdschloß Göhrde, heute eine Heimvolkshochschule, aus bisher noch unveröffentlichten Manuskripten zu lesen — oder sich anzuhören, was gelesen wurde.

Es lasen: Helmut Heissenbüttel (vier kunstvolle Sprachspiele in Prosa), Peter Rühmkorf (Gedichte), Siegfried Lenz (den Anfang seines neuen Romans "Stadtgespräch"), Hans Magnus Enzensberger (einen dramatischen Versuch), Gabriele Wohmann (aus einem Roman, noch ohne Titel), Wolfdietrich Schnurre (einen Teil des Romans "Die Gläsernen"), Ingrid Bacher und Ruth Rehmann (aus RomanManuskripten), Günter Graß (Gedichte), Heinz von Crämer (ein Kapitel aus der Neufassung seines Romans "Die Kunstfigur"), Martin Waiser (eine "Lügengeschichte"), Milo Dar (eine Erzählung), Klaus Roehler (zwei Kapitel aus einem Roman), Franz Josef Schneider (eine 1945 geschriebene Erzählung), Christian Ferber (aus einem Roman), In gebor g Bachmann (ein Gedicht).

Manches von dem, was gelesen wurde, könnte man, wenn es denn sein muß, als "avantgardistisch" bezeichnen; anderes (das meiste eigentlich) fände mühelos seinen Platz in der Tradition literarischer Formen. Es gab keine sensationellen Entdeckungen in diesem Jahr (von Anfang an war darauf verzichtet worden, da nur bekannte, wenigstens in diesem Kreise bekannte, Autoren lasen) und einige beinahe sensationelle Fehlschläge. Die gefürchtete KritikerGruppe der Gruppe (voran Walter Jens, Walter. Hötterer, Joachim Kaiser und Marcel Reich Ranicki) fand viel zu tadeln am Stück eines Autors, der so stark wie Hans Magnus Enzensberger mit der Gruppe 47 identifiziert wird, und viel zu loben an der neuen "Kunstfigur" Heinz von Cramers, der zum ersten Male in diesem Kreise las. Sie ist eben einfach nicht wahr, die gern wiederholte und darum nicht minder törichte Geschichte, daß sich hier ein Verein zur gegenseitigen Förderung mittels Hochlobens aufgetan hätte. Es ist alles viel komplizierter.

Wer vor diesem Forum bestehen will, muß unter, anderem auch Kritik, oft scharfe Kritik, mit Fassung zu tragen bereit sein.

Man scheut dort keine Kritik — und braucht sie nicht zu scheuen. Die Tagung wurde eröffnet mit