Am 26. Februar 1960 zeichnete sich bereits die Gefahr einer Verfassungsklage ab. Angesichts einer offensichtlichen Verzögerungspolitik der SPD wurde in Kreisen der CDU der Plan erwogen, eine GmbH zu gründen mit dem Auftrag, das zweite Programm durchzuführen und es dann auf eine Klärung vor dem Bundesverfassungsgericht ankommen zu lassen. Die Befürworter dieses Weges, so hörte man, wollten es vermeiden, daß infolge eines offenen „Fernsehkrieges“ die gute Zusammenarbeit aller Parteien in den Gremien der bestehenden Rundfunkanstalten zusammenbrechen und daß die SPD-Länder dazu herausgefordert werden könnten, in eigener Regie ein „Zweites“ vorzubereiten.

Die Aktivität der CDU/CSU-Länder war erfreulich. Drei Projekte wurden ausgearbeitet: das erste von Altmeier (Rheinland-Pfalz), das zweite von Schleswig-Holstein als „Kieler Projekt“, das dritte vom bayrischen Ministerpräsidenten. Übrigens vermischte der bayrische Entwurf die beiden wirtschaftlichen Grundlagen, indem er 80 vH der Gebühren den Rundfunkanstalten und 20 vH einer neuen Anstalt öffentlichen Rechts auf Bundesebene mit dem Titel „Deutsches Fernsehen“ übertragen wollte. Die Anstalt sollte – wohl zur Stärkung ihrer „Unabhängigkeit“ – an den Sitz der Bundesregierung gelegt werden und politische wie aktuelle Sendungen selbst produzieren, während unterhaltende und belehrende Programmteile auch durch Dritte bezogen werden sollten. Hier war wieder der alte Trugschluß zu finden, daß private Initiative wohl in Presse, Theater, Kunst und Film notgedrungen geduldet werden müsse, daß man sie aber im Fernsehen mit aller Kraft unterdrücken solle. Hier liegt der Kern alles Übels!

Weiterhin wurde vorgeschlagen, man solle, statt einer einzigen Gesellschaft (nämlich der „Freies Fernsehen GmbH.“), mehrere private Gesellschaften mit der Lieferung des „Unterhaltungsprogramms“ betrauen. Dazu hatte indirekt ein Streit innerhalb der Frankfurter Gesellschaft Anlaß gegeben, die ja bisher eine großzügige Unterstützung in Bonn gefunden hatte. Durch das plötzliche Ausscheiden des Geschäftsführers des Markenartikel-Verbandes Dr. Lutz, Wiesbaden, Mitte Mai 1960, war der Eindruck entstanden, daß die klare Linie, die bisher die Arbeit und den Aufbau der „Freies Fernsehen GmbH.“ gekennzeichnet hatte, durch personelle Gegensätze getrübt worden sei. Doch nur fünf Mitglieder des Markenverbandes verließen. die „FFG“, während 20 ihr verblieben, so daß dieser Vorgang ganz zu Unrecht dramatisiert wurde.

Sie fühlten sich stark

Im Gegenteil, die Gesellschafter der „Freies Fernsehen GmbH.“ waren ihrer Sache so sicher, daß in einer von ihr zum 15. Juli 1960 in Bonn einberufenen Pressekonferenz der Zeitungsverleger Merkel, zugleich im Namen von John Jahr als dem Repräsentanten des Zeitschriftenverleger-Verbandes, betonte, daß beide Gruppen aus dem Fernsehgeschäft ausscheiden würden, wenn die Grundidee einer unabhängigen Programmgesellschaft nicht verwirklicht werden könnte, einer Gesellschaft, die in eigener Verantwortung, nur in Grundsatzfragen kontrolliert von einem öffentlich-rechtlichen Aufsichtsorgan, ein vollständiges Programm herstelle. Er lehnte es jedoch ab, Zulieferer für eine staatliche oder halbstaatliche Dachgesellschaft zu sein. Man fühlte sich also stark.

Wenn jedoch das angestrebte Verwaltungsabkommen eine halbstaatliche Konzeption des zweiten Programms erforderte, dann wären in der Tat alle Verhandlungen vergeblich gewesen, und es müßten wertvolle Kräfte der Privatwirtschaft – vor allem auch die reichen Erfahrungen der Presse – ungenützt bleiben, wie die Möglichkeit, zu einer einmaligen Zusammenarbeit verschiedener Publikationsmittel (wie Presse, Hörfunk und Bildfunk) zu kommen. Im Entwurf jenes Verwaltungsabkommens‚ das zwischen dem Bund und den Ländern abgeschlossen werden sollte, waren allerdings einige Wünsche nachträglich hineingebracht worden, die vor allem den Ländern die Veranstaltung weiterer Fernsehprogramme und die dafür erforderlichen Frequenzen zubilligen sollte. Es waren dieselben Vorschläge, die in einem Schreiben von Ministerpräsident Altmeier der Bundesregierung am Freitag, dem 22. Juli 1960, zugestellt und vom Bundeskanzler Adenauer als eine neue Verzögerungstaktik ausgelegt wurden, so daß der über diese Haltung verärgerte Regierungschef am Montag, dem 25. Juli 1960, zur Gründung der „Deutschland Fernsehen GmbH“ schritt, deren Urkunde mit den Unterschriften „Adenauer, Bundeskanzler“ und „Schäffer, Bundesminister der Justiz“ versehen war; Von diesem Schock erholten sich die Vertreter der SPD nie. Jetzt schritten sie zur Klage beim Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe, während die CDU-Länder versuchten, das Beste aus dieser überraschenden Situation herauszuholen. Sie entwarfen einen Vertrag, der schließlich auch die Zustimmung der Bundesregierung fand.

Aber auch die Leiter der „Freies Fernsehen GmbH.“ gaben das Rennen nicht auf. Im Gegenteil: Durch die wiederholte Bekräftigung des Innenministers Schröder, man werde auf alle Fälle ein Zweites Programm am 1. Januar 1961 ausstrahlen, fühlten sie sich angestachelt zu den größten Anstrengungen, diesen Auftrag auszuführen und die Öffentlichkeit nicht zu enttäuschen. Mehr als 500 Personen – Techniker, Regisseure, Dramaturgen,, Fernsehautoren, Aktualitätenfachleute – waren fieberhaft am Werke, diesen Termin einzuhalten.