Von Ludwig Marcuse

In den Jahrzehnten, die den Romanen Balzacs, Flauberts und Tolstojs folgten, ist ihre Wirklichkeit in vielen Bezirken wirklicher, das heißt: sichtbarer geworden. Der wichtigste, zukunftsreichste ist das kaum gestaltete Dasein des menschlichen Körpers. Es war in den Schilderungen der großen Romanciers nur ein bißchen da: weil er zwar seit Adams Tagen existierte, aber als individuelles Schicksal seltsam unbekannt blieb.

In dem Roman „Anna Karenina“ wird Kitty geschildert, wie sie auf den großen Ball geht. Sie ist im subtilsten Detail vor dem Leser: nicht nur psychologisch, auch photographierbar als eine Wolke aus Tüll mit einem rosa Unterkleid; die Spitzen und Borten sind zum Greifen. Sie ist eine glänzend getroffene – Fee, ein mit höchster Exaktheit gezeichnetes Traumbild. Sie schwebt recht realistisch. Von den dichten, blonden Bandeaus auf dem kleinen Köpfchen bis zu den rosa Schuhen mit den hohen geschweiften Absätzen: dichteste Wirklichkeit. Wir kennen auch die liebe Seele im Aufruhr: ein junger Krieger vor der Schlacht (wie es heißt). Aber dazwischen, zwischen dem inneren Tumult und dem Gewebe aus Stoffen und Farben: nichts. Es kommen zwar auch die Lippen vor und die Augen, sogar entblößte Schultern: aber sie sind nur ein Reflex des beseelten Materials. Als sie ihren Hals im Spiegel betrachtete, wurde sie von dem Samtbändchen angeredet, das ihn schmückte.

Aus Liebeskummer wird sie krank. Ein noch nicht alter, stattlicher Arzt wird hinzugezogen und verlangt, daß sie sich entkleide. Sie muß sich schweren Herzens dieser neuen Mode unterwerfen, weil der Doktor berühmt und die letzte Hoffnung ist. Kitty ist verwirrt und betäubt – ihr Körper bleibt unbekannt. Wie sich die unglückliche Liebe umgesetzt hat, bleibt unbekannt. Tolstoj schildert die Untersuchung auf weniger als einer Seite. Meisterhaft geschildert wird nur ein einziger Körper dieses meisterhaften Werks realistischer Kunst: Wronskijs Pferd Frou-Frou.

Das ist nicht charakteristisch gerade für Tolstoj. Es gab zwar Schilderungen von Krankheiten (vor allem vornehmer, zum Beispiel der Tuberkulose); aber in der Krankheit ist der Körper ein Objekt. Man hat dem individuellen Leib nie die Würde der individuellen Seele zugebilligt. So haben ihm Dichter und Philosophen nur eine sehr begrenzte Sprache geschenkt; das Vokabular, mit dem er in Erscheinung treten kann, ist ärmlich – wie jeder entdeckt, der sich seinem Arzt verständlich machen möchte. Man könnte etwas übertrieben sagen: der Körper blieb stumm, weil er nie recht beachtet wurde – außer in der Reparatur und als Mittel zum Zweck.

Am ehesten hat der Roman noch dem körperlichen Erdenleben der Liebe Aufmerksamkeit geschenkt. Liebesgeschichte und Roman waren für lange Zeit fast identisch. Aber wo ist die Geschichte der liebenden Körper mehr als ein bescheidener Annex? Als Emma Bovarys Sehnsucht das Gebiet der Sehnsucht und der Stimmungen transzendierte, schrieb Flaubert: „Sie gab sich ihm hin.“ Wilhelm Busch charakterisierte solche Sätzchen: „Schwupp, da geht der Vorhang zu.“ Und wo er nicht ganz zugeht, wird noch sichtbarer Der große Realist Flaubert meistert nirgends weniger die Wirklichkeit als in den Szenen, die in-Absteigequartier zu Rouen spielen. Und doch war er ein enthusiastischer Verehrer des „Goldenen Esel“. Der Körper ist viel weniger entdeckt als das unsichtbarere Dasein.

Es sieht so aus, als wäre es anders geworden seit den Tagen Victorias. Es sieht nur so aus. Das Neu-Heidentum, das weder neu noch heidnisch ist, schuf Nudistisch-Hygienisches und (in amerikanischen Nachkriegsromanen) nicht Salonfähiges: als Chiffren des Unbehagens in dieser Kultur. Man überschätzt die Entwicklung von der „alles versagenden Keuschheit des weiblichen Badekostüms“ (wie Thomas Mann „Meine Zeit“ charakterisierte) zum Bikini. Der Körper wurde ein bekanntes Schaustück, nicht ein individuelles Schicksal.