Bronowski ist einer der größten Glücksfälle für das englische Fernsehen“, schrieb vor kurzem eine Londoner Zeitung. „Der Mann verfügt über die Präzision und Erfahrung eines geschulten Wissenschaftlers, und doch hat er sich die menschliche Wärme bewahrt. Man kann sich kaum vorstellen, daß eine so populäre Fernsehpersönlichkeit sich die Aura des ernsten Forschers und die Aufrichtigkeit des Erziehers zu erhalten vermag. Aber irgendwie bringt er es fertig.“

Bronowski ist in der Tat ein erstaunlisches Phänomen im heutigen England, wo Abend für Abend Millionen dem Zauber des Bildschirms erliegen – nicht, um sich in bilden und ihren geistigen Horizont zu erweitern, sondern um zu erleben, wie Komiker ihre Possen reißen, Cowboys undSheriffs nachViehdieben jagen,Schauspieler im Ärztekittel fiktive Operationen ausführen, Detektive nachdenklich an ihrer Pfeife saugen und kleinbürgerliche Jungfrauen mit Sexproblemen ringen. Aber wenn Dr. Bronowskis lächelndes, bebrilltes Gesicht mit der hohen Stirn und den buschigen dunklen Augenbrauen erscheint, frißt ihm dasselbe Publikum aus der Hand und läßt sich – ohne gähnend den Empfänger abzuschalten – die Geheimnisse des Atomkerns oder der menschlichen Geburt erklären.

Als der zwölfjährige Jakob Bronowski 1920 mit seinen Eltern als Einwanderer in England ankam, verstand er noch kein Wort der Landessprache, die er heute in all ihren Feinheiten und verschiedenen wissenschaftlichen Idiomen besser beherrscht, als mancher geborene Engländer. Die Familie war schon 1911 mit dem damals dreijährigen Jakob aus Polen nach Berlin umgezogen, wo der junge auf die Volksschule ging und die ersten Gymnasialjahre absolvierte. In der öffentlichen Bibliothek des jüdischproletarischen Viertels Whitechapel, wo sich die Bronowskis niedergelassen hatten, lernte Jakob systematisch die neue Sprache – indem er ein Abenteuerbuch nach dem anderen las. Später kamen die Klassiker und Dichter an die Reihe; die englische Literatur wurde zum ersten Studiumobjekt des jungen Mannes.

Er erhielt ein Stipendium für Cambridge und entschied sich für die Mathematik, aber zugleich begann er zu schreiben. Er gab eine literarische Zeitschrift mit dem Titel „Experiment“ heraus und machte sich einen Namen als junger Dichter der Gruppe um W. H. Auden und Stephen Spender. Sein erstes Buch, „Verteidigung der Dichtkunst“, ein literarisch-kritisches Werk, erschien, als er bereits (1934) Dozent für Mathematik an der Universität Hull geworden war; daneben veröffentlichte er mathematische Schriften. Damals heiratete er auch; seine Frau ist Bildhauerin. Wenn man sie fragt, wie das ist, wenn man mit einem Wissenschaftler zusammenlebe, dann pflegt sie zu sagen: „Man muß sich erst daran gewöhnen. Wissen Sie –, er ist ein Mensch, der um die Ecke denkt.“

Bronowski erlebte den ersten großen Wendepunkt seines Lebens, als ihn 1942 die Regierung aus Hullholte, um eine „mathematisch-statische Gruppe“ zu leiten. Hinter dieser harmlosenBezeichnung verbarg sich ein besonderer Zweig der wissenschaftlichen Hilfe für die alliierten Luftstreitkräfte, die damals, die großen Bombenangriffe auf Deutschland und Japan starteten. Bronowskis Gruppe sorgte für die „mathematische Genauigkeit“ der Angriffe. Seitdem freilich haben sich Bronowskis Ansichten über Krieg und Bomben radikal gewandelt – und über die Rolle, die dem Forscher in der menschlichen Gesellschaft zufällt.

Es war typisch für ihn, daß er seine „Freizeit“ im letzten Kriegsjahr dazu benutzte, um ein wertvolles analytisches Werk über den englischen Dichter und Maler William Blake zu schreiben. Sein Tageslauf innerhalb der siebentägigen Arbeitswoche sah so aus: 9 bis 20 Uhr im Ministerium; Mahlzeit und Ruhepause bis 22 Uhr; dann literarische Arbeit bis in die frühen Morgenstunden.

Im Jahre 1945 wurde er mit einer Militärmission nach Japan geschickt, um die Wirkung der Atombombenangriffe zu studieren. Als er einige Monate später zurückkehrte, begann seine Funklaufbahn – in einem dramatischen und historischen Augenblick: am Tage des großen amerikanischen Bombentests von Bikini. Die BBC hatte ihn gebeten, neun Minuten über seine Eindrücke in Hiroshima und Nagasaki zu sprechen; und als Millionen englischer Hörer gespannt auf die Meldungen aus Bikini warteten, kam statt dessen die sanfte, gemessene Stimme Jakob Bronowskis, der seinen erschütternden Bericht aus Japan las. Der Titel lautete: „Die Menschheit am Scheideweg.“