Seit Jahrzehnten ist das Amateurproblem ein „Noli me tangere“ des Internationalen Olympischen Komitees. Die Amateurregeln haben auch beim letzten IOC-Kongreß in Athen keine der Zeit angepaßte Form gefunden. Die Funktionäre haben sich mit einer nebelhaften Stilisierung der Coubertin sehen Grundgedanken begnügt. Alles wurde, nach altem Brauch, erneut der Zukunft auf die breiten Schultern geschoben.

Zwei Lager stehen sich unversöhnlich gegenüber: Hier die Volksdemokratien, in denen der Sport, wie alles andere, dem Prinzip des Staates untergeordnet ist, wo es also kein Amateurprinzip im olympischen Sinne geben kann. Sportliche Siege zu erringen und Rekorde aufzustellen, ist eine Aufgabe, die es unter Zurückstellung aller persönlichen Wünsche und bei einer totalen Förderung durch den Staat zu erfüllen gilt. Trotzdem fühlen sich auch die staatlich engagierten Spitzensportler der Volksdemokratien als echte Amateure. Sie akzeptieren ja nur jene materiellen Vorteile, Titel und Orden, die in ihren Ländern auch Studenten, Künstler, Techniker und Wissenschaftler erhalten.

Daß der Amateursport in der westlichen Welt dagegen auf „olympischem Boden“ steht, daran kann niemand zweifeln. Hier gilt noch immer die frühzeitig vollzogene Trennung zwischen dem Amateur- und dem Profisport. Erst seit den zwanziger Jahren begann es auch im olympischen Gebälk des westlichen Sports zu knistern. Die Amateurvergehen einzelner großer Sportler erregten die Gemüter, waren aber noch nicht symptomatisch für den gesamten Amateursport. Sie sind es auch heute noch nicht, wenn auch aus dem Knistern inzwischen ein Krachen geworden ist.

Die schwerste Niederlage erfuhr der Amateursport jüngst durch zwei Spitzensportler aus jenen Ländern, die einst als Gralsburgen des Amateurismus galten – aus Großbritannien und Skandinavien. Laufstar Gordon Pirie, der britische Langstreckler, verkaufte sich am Abend seiner epochemachenden Karriere an Promoter, die ihn jetzt in spanischen Stierarenen zur Schau stellen. Und Dan Waern, Schwedens berühmter Meilenläufer, erklärte, er sei nur deshalb von Start zu Start geeilt, weil er gut bezahlt worden sei.

Schweden ist in den letzten beiden Jahren das Paradies der „Halbamateure“ gewesen. Hier kassierte ein Dan Waern, aber auch Spitzensportler anderer Nationen, Summen zwischen 500 und 2000 Kronen für jeden Start. Waern gestand offen, sogar prozentuale Beteiligungen an den Zuschauereinnahmen gefordert und auch erhalten zu haben. Er folgte damit nur seinen Landsleuten Gunder Haegg, Andersson und Strand, die vor 20 Jahren, wegen gleicher Delikte gebrandmarkt, als „schwarze Schafe“ des olympischen Kernsportes galten.

Pirie hingegen hat in Großbritannien kaum ein Vorbild. Dort nannte man sich gleich „professionell“, ohne etwa gesellschaftlich desavouiert zu werden. Deshalb hat der Fehltritt Piries, der über sich wie auch über Waern behauptet, in den letzten Jahren von seinem Laufen gelebt zu haben, dem noch immer hocherhobenen Schild des westlichen Amateurismus’ dunkelste Flecken versetzt.

Es gibt noch ehrwürdige Mitglieder des IOC, die diese beiden Fälle ignorieren und die nicht sehen, daß der Olympionismus entweder seine Wahrhaftigkeit einbüßt oder aber die sportliche Welt eines Tages in zwei Fronten zerfällt.