Die Programmänderung in letzter Minute war der Grund, warum der Fernseher diesmal vorzeitig mit dem eigentlich erst für Mitte November vorgesehenen Stück „Korczak und die Kinder“ von Erwin Sylvanus bekannt gemacht wurde; dafür entfiel Christian Geisslers „Anfrage“. Was zu solchen ständigen Umdispositionen zu sagen ist, stand in der vergangenen Woche an dieser Stelle.

Das Stück von Sylvanus, auf einer wahren Begebenheit basierend, arbeitet einen Vorgang dramatisch auf, von dem zweifelhaft bleiben muß, ob er Theatereignung besitzt: die Liquidierung eines jüdischen Waisenhauses in den Gasöfen von Maidanek. Wie im Tagebuch der Anne Frank wird das ungeheuerliche Geschehen jedoch auch hier auf den psychologischen Innenraum eines Beteiligten zusammengezogen: Es geht um die Gestalt jenes Lehrers, der freiwillig den Gastod auf sich nimmt, um den ihm anvertrauten Kindern das Gefühl der Geborgenheit zu geben und um ihnen das Unausdenkliche so lange wie möglich zu ersparen.

Bei Anne Frank war das in der Verknappung aufs sozusagen Dokumentarische, aufs authentisch Bezeugte „spielbar“; Sylvanus will die Problematik der dramatischen Zubereitung eines derartigen Geschehens damit umschiffen, daß er die Geschichte nicht direkt spielen, sondern im Wilderschen Sinne verfremden läßt – Erzähler und Schauspieler treten neben der eigentlichen Handlung als Erzähler und Schauspieler auf.

Die Rechnung geht aber nicht auf – das technische Raffinement wirkt bei einem solchen Thema als Mätzchen, statt unauffällig-kunstlos den Stoff sprechen zu lassen, drängt sich hier die dramaturgische Machart in den Vordergrund, und das ist das Schlimmste, was bei diesem Anlaß passieren konnte. Mit dem Massengrab treibt man keine formalen Späße.

Über Inszenierung und Photographie sei ein Mantel der Nachsicht gebreitet. Nur so viel: beim Stichwort Warschau erscholl Chopin, beim Stichwort Himmel waren Wolkenaufnahmen in Augenschein zu nehmen. Friedrich Domin und Manja Wodowoz spielten sehr achtbar. lupus