Gewinnt das Erdgas in Europa an Bedeutung?

Von Gerd Jensen

Erdgas ist ein hochwirksamer Energieträger und ein bedeutender Rohstoff für die chemische Industrie. Sein Heizwert beträgt mehr als das Doppelte des Kohlengases. Zudem erfordert seine Ausbeute – es lagert unter Druck in unterirdischen Erdspalten und -höhlen – verhältnismäßig geringe Kosten, so daß es vor allem dort billig angeboten werden kann, wo nicht zu hohe Transportkosten das Erdgas belasten. Das Gas wird heute in den Ländern, in denen größere Lagerstätten vorhanden sind, mittels ausgedehnter Pipeline-Netze an die Verbraucher herangeführt. – Umfangreiche und in starkem Ausbau begriffene Leitungsnetze befinden sich in den USA, der Sowjetunion, Frankreich und Italien. Von den westeuropäischen Ländern wurden bisher nur in den letztgenannten und in den Niederlanden größere Erdgasvorkommen entdeckt. Die anderen europäischen Industrienationen, insbesondere Großbritannien, sind deshalb besonders an der Nutzung der gewaltigen Erdgasreserven interessiert, die vor einigen Jahren in der Sahara aufgefunden wurden.

Neben der Kohle und dem Erdöl ist das Erdgas innerhalb weniger Jahrzehnte zum drittgrößten Energieträger der Welt geworden. Während sein Anteil an der Primärenergieversorgung sich um die Jahrhundertwende nur auf etwa 1 vH belief – 90 vH des Weltenergieverbrauchs wurden damals durch Kohle gedeckt –, trug das Erdgas 1959 mit knapp 14 vH zur Energieversorgung der Welt bei.

Die USA als Schrittmacher

Insgesamt verbrauchte die Welt 1959 etwa 428 Mrd. cbm Erdgas, wovon der größte Teil, nämlich 314 Mrd. cbm oder nahezu 80 vH auf die Vereinigten Staaten entfielen. Hier hatte man schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts angefangen, die riesigen Trockengasfelder auszubeuten, die sich vor allem in den Südstaaten der USA befinden. Zwischen den Hauptgasfördergebieten im Südwesten der Vereinigten Staaten und den größten Gasverbrauchsgebieten im Mittelwesten und an der Ostküste, sind 1600 bis 2400 km zu überbrücken. Ein ausgedehntes Pipeline-Netz, das insbesondere nach 1945 erheblich erweitert wurde und sich über eine Länge von mehr als 1 Mill. km erstreckt, sorgt für die Verteilung des Erdgases.

Handel und Industrie sind die größten Erdgasverbraucher und bezogen 1959 etwa Zweidrittel des Gesamtverbrauchs der USA. Trotz einer ständigen absoluten Verbrauchszunahme dieser Sektoren ist die industrielle Erdgasabnahme relativ zurückgegangen. Dies ist eine Folge der bedeutenden Erhöhung des Haushaltsverbrauchs, die durch den Anschluß von immer mehr Haushaltungen an das Erdgasnetz möglich wurde. Bereits 1958 waren nahezu 60 vH aller Haushaltungen mit Erdgas versorgt, das dort vor allem zur Raumbeheizung dient und die Verwendung fester Brennstoffe in diesem Bereich wesentlich eingeschränkt hat. Mit dem Vordringen der Erdgasleitungen ist der Anteil des Kohlengases an der öffentlichen Gasversorgung zu einer unbedeutenden Größe geworden. Zahlreiche öffentliche Verteilungsnetze für Kohlengas sind inzwischen auf Erdgas umgestellt worden, womit sich infolge des höheren Heizwertes des Erdgases eine wesentlich bessere Ausnutzungsmöglichkeit der Leitungen ergibt (vgl. Tabelle 1).