E. M., Lissabon

Am 12. November geht das portugiesische Volk an die Wahlurnen, um 130 Abgeordnete für die Nationalversammlung zu wählen. Manche Leute fragen sich hier, wozu eigentlich? Die Regierung unter Salazar wird den Schlüssel zur Macht doch nicht aus den Händen geben, und schließlich wird unter den 130 doch kein einziger Abgeordneter sein, der der Opposition angehört. Sie werden alle Mitglieder der einen Regierungspartei sein, der Uniao National.

„Wir stellen fest, daß sich die öffentliche Meinung immer mehr gegen die Einheitspartei der Regierung wendet der Protest der 40 bekannten Intellektuellen Portugals nach dem Kapern der Santa Maria durch Hauptmann Galvao im Februar dieses Jahres und den ersten größeren Unruhen in Angola stieß bei Salazar auf taube Ohren. Er kann für den Aufbau seines „Neuen Portugals“ keine Opposition gebrauchen, seit 30 Jahren nicht.

Als 1958 der oppositionelle General Delgado sei den Präsidentschaftswahlen dem jetzigen Präsidenten Tomas zwar unterlag, jedoch einen unübersehbaren Achtungserfolg errang, sorgte Salazar dafür, daß solche Pannen nicht mehr passieren. In Zukunft wird der Präsident nicht mehr durch das Volk direkt, sondern durch ein Salazarhöriges Wahlgremium gewählt werden.

Zu den jetzigen Wahlen wurden oppositionelle Kandidaten in vielen Wahlbezirken gar nicht erst zugelassen. Läßt man hier und dort einen kandidieren, wird er so unter Druck gesetzt, daß er bestimmt noch vor dem 12. November das Rennen aufgibt. Die zwölf Kandidaten der monarchistischen Opposition schieden bereits aus.

Der im Ausland für die Freiheit Portugals werbende Kaper-Hauptmann Galvao forderte Salazar auf, freie Wahlen unter UN-Kontrolle zuzulassen, und drohte, daß der Premier die volle Verantwortung für alle Unruhen trage, falls er der Forderung nicht entspräche. Salazar beugt vor: er beobachtet besonders die Offiziere seiner Marine, die oppositionellen Neigungen huldigen.

Aber der „Mann des Schicksals mit der eisernen Hand“ wird darauf vertrauen können, daß in das Abgeordnetenhaus San Bento 130 willfährige Ja-Sager der Nationalen Union einziehen werden.