In Rom tagte die Sozialistische Internationale

A. d. F., Rom, Anfang November

Der Kongreß der Sozialistischen Internationale, der kürzlich in Rom zu Ende ging, hat eine große Chance vertan. Die 43 sozialistischen Parteien und Exilorganisationen hätten ein Gegengewicht zu der sowjetischen Heerschau in Moskau bilden können. Sie aber versäumten die Gelegenheit zu demonstrieren, daß sie ebenfalls ein geschlossener Block sind, der nicht bei der Erörterung jeder internationalen Frage sogleich auseinanderbricht.

Die Kompromisse, die im Konferenzsaal eines Marmorpalastes im eleganten Viertel am Südrand Roms zwischen den verschiedenen politischen Thesen geschlossen wurden, sind die Frucht einer sauberen demokratischen Handwerksarbeit, doch sie wirken ätherisch. Die Koryphäen des westlichen Sozialismus wirkten etwas verlegen, als sie sich zu Beginn der Sitzungen bei den Klängen der „Internationale“ stumm erhoben.

Offensichtlich haben die Kongreßteilnehmer die Warnung nicht auf sich bezogen, die Carlo Schmid bei einer öffentlichen Kundgebung am Forum Romanum aussprach: „Auch die Demokratie braucht Macht, um sich durchzusetzen!“ Diese Lehre aus den bitteren Erfahrungen der deutschen Sozialdemokraten erschien nur wenigen der Prominenten als ein Menetekel.

Immerhin blieben die Diskussionen über die deutsche Frage und über Berlin nicht im Dickicht der Meinungen stecken. Dafür sorgten vor allem der Regierende Bürgermeister von Berlin, Willy Brandt, der französische Sozialistenführer Guy Mollet, und – wenn auch mit Einschränkungen – Belgiens Außenminister Paul-Henri Spaak.

Der Labour-Führer Hugh Gaitskell schlug vor, Moskau für eine uneingeschränkte Sicherung der Freiheit von Westberlin folgende Zugeständnisse anzubieten: Die Anerkennung der Oder-Neiße-Linie als endgültige Ostgrenze, eine partielle defacto-Anerkennung des Ulbricht-Staates und eine militärisch verdünnte Zone in Mitteleuropa.