Von Theo Löbsack

Als die Wissenschaftler aller Kulturländer im Internationalen Geophysikalischen Jahr 1957/58 der Erde und dem sie umgebenden Weltraum „auf den Zahn fühlten“, da war die erfreulichste Mitarbeiterin dieses Unternehmens die Sonne. Eine Fleckengruppe nach der anderen zog damals über ihre Oberfläche hin. Flammende Energieausbrüche versorgten die Geophysiker mit den interessantesten Meßwerten. Wie zur freudigen Begrüßung hatte die Sonne schon am Vorabend des „IGJ“ ein Feuerwerk leuchtender Gasfontänen versprüht, die auf der Erde farbenprächtige Polarlichter und magnetische Stürme von ungewöhnlicher Stärke auslösten.

Im Internationalen Geophysikalischen Jahr befand sich der rund elfjährige Zyklus der Sonnenflecken auf einem Höhepunkt. Jetzt hegen die Wissenschaftler den Wunsch, verschiedene der damals beobachteten Phänomene erneut unter möglichst „fleckenlosen“ Bedingungen zu studieren. Sie haben daher ein, „Forschungsjahr der ruhigen Sonne“ angeregt und dafür den Zeitraum 1964/65 – voraussichtlich die Periode eines Sonnenfleckenminimums – vorgeschlagen.

Eine wichtige Aufgabe in dieser Zeit werden magnetische Messungen sein. Sowohl das Magnetfeld der Sonne als auch das Erdmagnetfeld sind alles andere als konstante Erscheinungen. Ihre Stärken und der Verlauf ihrer Kraftlinien schwanken, und offenbar besteht dabei eine Art Wechselwirkung, über deren Natur wir aber noch nicht viel wissen. Genauere Kenntnisse darüber zu erlangen ist aber wichtig, weil die magnetischen Kräfte und mit ihnen die elektrischen Eigenschaften der Erdatmosphäre von großer Bedeutung für den Funk-Nachrichtenverkehr sind.

Gasblasen zerreißen die Hülle

Es ist noch gar nicht so lange her, da glaubte man, unsere Sonne besitze einen festen Kern. Das trifft jedoch nicht zu. Sie ist vielmehr durch und durch gasförmig, obwohl in ihrem Inneren ein Druck von mehr als 200 Millionen Atmosphären herrscht. Dabei können keine Atome mehr existieren, sondern nur noch deren Bruchstücke, und diese sind so fest aneinandergequetscht, daß ihre Dichte etwa 22mal so groß ist wie die des Bleis. Berechnet man die gesamte Gasmasse der Sonne, so zeigt sich, daß sie 330 000mal so groß ist wie die Masse der Erde. Ihre sonderbar granulierte Haut rührt von heißen Gasblasen her, die aus dem Sonneninneren aufsteigen und einen Durchmesser von 300 bis 1600 Kilometern annehmen können. Die Sonnenschicht, in der diese Blasen sichtbar werden, wird Photosphäre genannt. Über ihr liegt die „Chromosphäre“, der Schauplatz häufiger kleinerer Gasfontänen (spikes), die bis zu 8000 Kilometer emporsprühen können. Über der Chromosphäre erhebt sich die Korona, jene bläulichweiße und nur bei Sonnenfinsternis sichtbare Aura, in der Temperaturen von vermutlich mehr als einer Million Grad herrschen. Ihre letzten Ausläufer erstrecken sich noch weit über die Umlaufbahn der Erde hinaus ins All, so daß man sagen könnte, auch die Erde und der Mond befänden sich noch im Bereich der Sonnen-Atmosphäre.

Löcher in der Luftschale