Melchior Palyi, ein in Chikago lebender Währungsexperte, in der Bundesrepublik bekanntgeworden durch sein Gutachten gegen eine DM-Aufwertung, attackiert in seiner wöchentlich erscheinenden Kolumne der Chicago Daily Tribüne die Wachstums- und Währungspolitik der Kennedy-Administration. Während man im politischmilitärischen kalten Krieg den Gegner genau lokalisieren könne, nehme man an der „Währungsfront“ Rückschläge hin, ohne zu wissen, von woher sie geführt sind. Die amerikanische Öffentlichkeit werde irregeführt durch die liberale Presse (gemeint sind jene Zeitungen, die den Kennedy-Kurs positiv beurteilen) und Palyi zitiert als Beispiel die Schlußfolgerungen, die ein Wirtschaftsredakteur einer New Yorker Zeitung kürzlich zog: „Das Federal Reserve System ist in seinem Kampf erfolgreich, indem es die der USA-Wirtschaft zur Verfügung stehende Geldmenge erhöht.“

Diese Einstellung, meint Palyi, sei typisch für die verkehrte Denkweise der Keynesianer, und er fährt fort: „Jedermann weiß, Dollars sind nicht knapp. Innerhalb von 12 Monaten hat sich auf Ende Juli die Geldversorgung der USA-Wirtschaft um 16 Milliarden Dollar erweitert – zirkulierende Geldmenge und Netto-Zuwachs an Bankdepositen zusammengenommen. Dieser Betrag läßt sogar die 7 Milliarden außer Betracht, die durch abgebaute Sparguthaben und durch erweiterte Abzahlungskredite in Verkehr gekommen sind. Die Geldversorgung wächst doppelt so schnell wie das Volkseinkommen.“

Es genüge aber nicht, kritisiert Palyi, daß die amerikanische Wirtschaft im „Geld schwimme“, gleichzeitig jedoch die Goldreserven schwinden, die kurzfristige Auslandsverschuldung zunehme und die Lücke in der Zahlungsbilanz sich beängstigend erweitere. Das Federal Reserve System nehme auch noch für eine Milliarde staatliche Schuldverschreibungen herein, was zu einer „Verflüssigung“ des Bankensystems um rund 5 Milliarden führen werde.

„Diese absolut fragwürdige Geldpolitik, ganz im Gegensatz zu den vitalen Interessen der Nation, sollte der Schulden-Konversion des Schatzamtes dienen und auch die Operationen zur Ausdehnung der Staatsschuld erleichtern. Und dies alles, obschon anläßlich der IWF-Jahrestagung in Wien das währungspolitische Prestige der USA einen neuen Tiefpunkt erreicht hat. Dort in Wien mußte auch, meines Wissens zum erstenmal, der Chef des USA-Schatzamtes von ausländischen Notenbankleitern Belehrungen über das Abc einer seriösen Finanzpolitik entgegennehmen. Diese Erniedrigung symbolisiert den Verfall der amerikanischen Finanzlage und den Verlust an Ansehen als internationaler Finanzmacht während der vergangenen vier Jahre.“

„Es liegt im Augenblick ganz im Belieben der französischen, deutschen, italienischen, schweizerischen und holländischen Notenbank, den Goldstandard des Dollars zu erhalten. Bricht er zusammen, dann wird die Lohn- und Preisstruktur der Nation zerbröckeln. Dann wird aber auch die Preisstruktur der ganzen westlichen Welt und damit das freie marktwirtschaftliche System zusammenkrachen.“

Hart mag die Kritik Palyis scheinen. Sie ist aber nur Ausdruck der regen Diskussion über eine vergünstige Währungspolitik in den USA, die sich drüben gegenwärtig abspielt. Auf Messers Schneide bewegt sich die Regierung Kennedy tatsächlich, wenn sie ihre hochgesteckten Wachstums-Ziele erreichen will, zusätzliche militärische Anstrengungen unternehmen muß und gleichzeitig auch auf den Wert des Dollars zu achten hat. Rle.