Seit Wochen ist die Tendenz auf den deutschen Aktienmärkten wieder freundlich. Die Kurse haben sich bereits ganz ansehnlich von ihren im September erreichten tiefsten Punkten entfernt. Natürlich vollzieht sich die gegenwärtige Bewegung nicht gradlinig, zumal man sich bewußt ist, die einzelnen Branchen auf Grund der differenzierten Konjunkturlage auch unterschiedlich beurteilen zu müssen. Außerdem gelangen von der Politik her gelegentlich Störungsfaktoren an die Börse, die zu Unterbrechungen der Kaufbewegungen führen, manchmal sogar Gewinnrealisationen des Berufshandels und der mit dem Wertpapierhandel vertrauten Kundschaft zur Folge haben.

Im allgemeinen kann jedoch gesagt Werder, daß die Politik zur Zeit nur einen geringen Einfluß auf die Tendenzgestaltung ausübt. Natürlich ist es für die internationalen Anleger kein angenehmes Gefühl, wenn sich in Berlin die Panzer von Ost und West gegenüberstehen. Aber niemand glaubt mehr an einen ernsthaften Konflikt. Die manchmal auftretende Unsicherheit ist psychologischer Natur. Fahren in Ostberlin sowjetische Panzer auf, dann stellt sich prompt eine vermehrte Abgabeneigung Berliner Spekulanten ein. Nicht etwa, weil man in Berlin glaubt, daß die Sowjet-Panzer „marschieren“ werden, sondern weil man mit einer Furchtreaktion der westdeutschen Börsen rechnet. Tatsächlich nehmen auch hier sofort die Aktienverkäufe zu, aber auch nicht aus Furcht vor einem ernsthaften Zwischenfall. Hier vielmehr fürchtet man Angstverkäufe des Auslandes mit ihren verheerenden Folgen auf das deutsche Kursniveau. Aber in der vergangenen Woche hatten die Ausländer bessere Nerven, als man es ihnen in der Bundesrepublik zutraute. Sie nutzten auch die geringsten Kursrückgänge aus, um sich mit „billigem“ Material einzudecken, und zwar immer noch bei den bekannten neun oder zehn Papieren, die für die Ausländer den deutschen Aktienmarkt repräsentieren.

Die Innenpolitik spielte bislang nur am Rande eine Rolle. Für die meisten Börsianer stand schon vor den Wahlen fest, daß es zu einer Koalition CDU/CSU und FDP kommen wird. Eine FDP-Finanz- und Sozialpolitik ist nicht das Schlechteste, was dem deutschen Kapitalmarkt widerfahren kann. Das ist eine Ansicht, die vielfach zu hören ist.

Sieht man sich die Märkte im einzelnen an, dann wird man feststellen, daß die Favoritenstellung der IG-Farben-Nachfolger etwas in den Hintergrund gerückt ist. An ihre Stelle traten AEG, und vor allem die Siemens-Aktien, die in letzter Zeit einen beträchtlichen Kursgewinn erzielt haben. In vier Wochen beinahe 100 Punkte! Man rechnet mit einer Kapitalerhöhung zu günstigen Konditionen (d. h. zu einem Ausgabekurs von 100 vH). Die Verwaltung hat ausgesagt, daß über diese Dinge noch keine Entscheidungen gefallen sind, was die Börse keinesfalls als Dementi angesehen hat. Sie weiß nur allzu gut, daß in dem Augenblick, an dem Entscheidungen bekannt werden, am Kurs nichts mehr zu verdienen ist. – Kapitalerhöhungsversionen haben auch vor einigen Tagen die Kurse der beiden bayerischen Großbanken stark steigen lassen. Auch hier wird man mit „Entscheidungen“ frühestens im März/April 1962 rechnen können, wenn man nicht überhaupt die Frage der Bezugsrechte noch weiter hinausschiebt. Denn dringlich ist sie weder bei der Bayerischen Vereinsbank noch bei der Bayerischen Hypotheken- und Wechsel-Bank. Immerhin haben die Kreditinstitute auch im Jahre 1961 wieder gut verdient, so daß eine Kursanhebung – so oder so – wohl gerechtfertigt war. Börsenkenner bezeichnen den Bankenmarkt weiterhin als „interessant“. Sie weisen auf die Bezugsrechtmöglichkeiten bei einigen Hypothekenbanken hin, aber auch auf die Gerüchte über eine Kapitalerhöhung bei der vor kurzem in den Börsenhandel eingeführten Investitions- und Handels-Bank. Die „Münemann-Bank“ hat dem Vernehmen nach die Bilanzsumme kräftig ausgeweitet, so daß die Relation Eigenkapital zur Bilanzsumme einer Verbesserung bedarf.

An der Beliebtheit der „konsumnahen“ Werte hat sich nicht viel geändert. In größeren Beträgen wurden die beiden Kaufhauswerte Karstadt und Kaufhof zu steigenden Kursen gehandelt. Für Brauereien und Versicherungen hielt das Interesse an, auch für die konjunkturbegünstigten Bauwerte. Bei den Automobil-Aktien war die Tendenz geteilt. Die Nachricht von der Unterzeichnung des Wankelmotor-Lizenzvertrages zwischen NSU und Daimler brachte den NSU-Aktien einen neuen spekulativen Schwung, der von vielen Leuten ausgenutzt wurde, mit Gewinn aus diesem Papier herauszukommen. Die Nachricht von einem beabsichtigten Umtauschangebot NSU- gegen Daimler-Aktien erwies sich bislang als „Ente“. Jedenfalls liegen dafür keine Anhaltspunkte vor, selbst wenn man den von verschiedenen Seiten abgegebenen Dementis mißtrauen sollte. Die VW-Aktien blieben weiterhin „abseits“. Die Ausländer lassen sie „links“ liegen. Sie stehen unter dem Eindruck der Weltkrise im Automobilbau, von der sie meinen, daß sie eines Tages auch an den Erträgen des VW-Werkes zehren wird. Solange jedoch potente Großabnehmer für VW-Aktien fehlen, müssen die zahlreichen Verkäufe der Erstzeichner den Kurs beeinflussen. Sollte das anhalten (und manche Leute behaupten, das bliebe noch ein paar Monate so, weil Geld für Weihnachtsgeschenke und später für die Winter- und Sommerreise beschafft werden muß), dann steht dem VW-Kurs eine Periode der Stagnation bevor. Kurt Wendt