Natürlich kein psychologischer Roman mehr“, sagen die Literaten lächelnd, wenn sie einem Autor wahre Modernität bestätigen wollen. Und die Kritik sekundiert aufatmend: X sei über alle Psychologie hinaus. Es gehört fast intellektuelles Heldentum dazu, sich dem Sog solcher Redensarten zu entziehen. Mag sein, gewiß, daß der moderne Roman gerade auf einer Formstufe angelangt ist, die keine seelenkundlichen Erörterungen, keine psychologisierenden Motivierungen mehr zuläßt. Mag auch sein, daß die Psychologie für den avancierten Autor ein totes Gleis ist – möglicherweise wurde da schon alles gesagt (und bestimmt ist eine bloß psychologische Trouvaille nicht genug für ein Kunstwerk). Aber wie dem auch sei: wenn die Autoren mit der Psychologie gerade nichts anfangen können, unsereins ist da nicht recht auf der Höhe und hat immer noch damit zu tun. Eifersucht, Ehrgeiz, Haß, Kompensationsmechanismen, Aufschwünge, Depressionen: man ist dergleichen nach wie vor unterworfen, auch wenn das ein bißchen altmodisch wirkt. Wir sind sozusagen nicht mitgekommen mit den Romanen.

In dieser Verstocktheit bestärkt nun ein Novellenband, der zu dem Waghalsigsten und Gescheitesten gehört, was die moderne Weltliteratur überhaupt zu bieten hat –

Jean-Paul Sartre: „Die Mauer“; Rowohlt Verlag, Reinbek; 282 S., 18,– DM.

Zu dem Buch gehört der dringliche Postkartenhinweis, es nicht an Jugendliche zu verleihen oder wegzugeben. Volljährig muß man auch sein. Lesen darf man es gerade noch. Sartres Novellen, ziemlich traditionell vorgetragen, brillant wechselnd zwischen innerem Monolog und objektiverer Erzählung, nehmen – allen gesellschaftlichen auf Selbstentfremdung oder gar Entpersönlichung hinauslaufenden Tendenzen zum Trotz – die Seele des einzelnen mit fast wahnsinniger Inständigkeit ernst. Nicht nur die Seele, auch die Psychologie der Perversion, die Verführung zur Kapitulation. Das läuft bei Sartre wahrlich nicht auf einen langweiligen psychologischen Mechanismus hinaus. Nichts ist „absolut“ gegeben, hängt gleichsam von „außen“ als Movens ins Menschenleben hinein: weder die Ideen, noch die Gesellschaft, noch die blinde Sexualität. Das alles erscheint vielmehr wirr ineinander verzahnt und zwingt den Menschen ständig zur Entscheidung, die er auch dann fällt, wenn er sie nicht fällt.

Die Mitteilung, was eigentlich in den Novellen vorgeht, läßt sich nicht länger aufschieben. In der „Mauer“ wird beschrieben, was das Bewußtsein, demnächst erschossen zu werden, mit der Psyche und der Physis des Opfers anrichtet. Grauenhaft der Schluß: Pablo hat auf die Frage, wo Ramon sich aufhalte, eine falsche Antwort gegeben. Doch Ramon wechselte sein Versteck und machte die Lüge wahr. So kommt Pablo, wider Willen zum Verräter geworden, frei.

Im „Zimmer“ werden die Versuche beschrieben, Eve von ihrem Gatten Pierre, der sich langsam in Wahnsinn einspinnt, zu befreien. Aber Eve hält zu Pierre, wählt eine andere, wilde Entscheidung.

„Herostrat“ ist die Geschichte jemandes, der die Konvention, nach der die Menschen sich lieben müßten, nicht mitmacht. Er haßt, will vernichten. Und bricht zusammen.