Von Katharina Hoke

Ich habe zu viele Räsonnements gehört, die mir fast den Sinn verwirrt hätten und die genügend andere so verwirrt haben, daß sie sich mit dem Mord einverstanden erklärten; darum habe ich beschlossen, nichts zu akzeptieren, das, unmittelbar oder mittelbar, für gute oder schlechte Ziele, tötet oder den Mord rechtfertigt.

Der diese Worte Albert Camus’ zum Motto für sein Buch gewählt hat –

Michel del Castillo: „Der Plakatkleber“; Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg; 243 S., 14,80 DM

– mußte selber seine Kindheit, besser: die Zeit, die seine Kindheit hätte sein sollen, unter Folterknechten zubringen, einer unter Millionen, auf die jede Nacht die Wahl der Henker fallen konnte und der diese Jahre, die für ihn mit den Bomben des spanischen Bürgerkriegs begonnen hatten, dennoch überstand.

„Der Plakatkleber“ ist del Castillos drittes Buch. Wieder führt es, wie „Die Gitarre“, nach Spanien, aber nicht in ein weltabgeschiedenes, schwermütiges und regenverhangenes Spanien des Aberglaubens, sondern in das grelle Licht der spanischen Misere und eines Bürgerkriegs, der Hoffnungen und Ideologien in der Glut des gegenseitigen Mordes einschmilzt.

Olny, der Plakatkleber, ist ein junger Mann aus der Barackenzone Madrids, den ärgsten, an Schuttabladeplätzen liegenden Slums, wo die sozial Deklassierten vegetieren und zugrunde gehen, ohne daß die übrige Welt auch nur Notiz davon nimmt, ohne daß sie auch nur als Nummern registriert würden, eine Ehre, die die Behörden der zivilisierten Welt sonst einem jeden angedeihen lassen. Als Olny versucht, diesem Elend zu entrinnen, entdeckt er für sich – mit dem feurigen Idealismus des Menschen, der nichts zu verlieren und alles zu gewinnen hat – die kommunistische Partei. Seine dumpfe Resignation wandelt sich in Hoffnung. Aber dann beginnt der Bürgerkrieg. Der junge Mann, den die Faschisten folterten, wird von seiner eigenen Partei gezwungen, sich an der Liquidation von Falange-verdächtigen Personen und Anhängern anderer Linksgruppen zu beteiligen. Er wird wahnsinnig. Nach dem Sieg der Franco-Truppen kehrt er in die Barackenzone zurück, die der Krieg „nicht sehr in Mitleidenschaft gezogen“ hatte.