Paris, im November

Düster ist das Bild, das die Algerienpolitik der französischen Regierung im Herbst 1961, am 7. Jahrestag der Revolution bietet. Reicht der Arm der französischen Macht überhaupt noch nach Algerien, und wenn es so wäre, führt die Hand noch jene Aktionen aus, die ihr von Paris aufgetragen werden? Versickert nicht die Autorität von Verwaltung und Behörden schon in der unmittelbaren Umgebung vom Rocker Noir? Ist der bedingungslose Gehorsam nicht bereits eine ausschließliche Domäne der Extremisten? Ja, sind nicht über Nacht Paris und die Metropole zur zweiten Front des Bürgerkrieges geworden?

Nach sieben Jahren: Fragen, Fragen und keine Antworten. Und wenn von französischer Algerienpolitik die Rede sein soll, welche wäre denn eigentlich gemeint? Die Schaffung einer algerischen Republik der europäischen Siedler, die den Krieg gegen den FLN mit mittelbarer oder unmittelbarer Unterstützung der Metropole bis zum „totalen Endsieg“ fortsetzen möchten? Die Repatriierung der französischen Pieds-noirs, für die das Budget 1962 beträchtliche Summen bereitstellt? Die Teilung Algeriens und die Umgruppierung der Bevölkerung – eine Idee, die im Hotel Matignon starke Unterstützung zu genießen scheint, aber nach dem Urteil von Algerienminister Joxe lediglich eine „Übergangslösung“ darstellen könnte? Der Weg der Selbstbestimmung von Frankreichs Gnaden, den de Gaulle beschreiten möchte? Die von Ben Khedda geforderte Unabhängigkeit schlechthin, die jetzt schon manche Franzosen im Mutterland unbesehen zugestehen möchten, nur um die Bürde loszuwerden?

Gewiß, nach sieben Jahren mag man mit Recht auch fragen: Ist der Frieden nicht näher denn je? Beide Seiten haben sich genähert; das ist nicht zu leugnen. Aber damit sind die Gegensätze noch nicht überwunden. De Gaulle möchte den letzten Strich unter das französische Algerien mit der Geste eines Grandseigneurs ziehen, der begriffen hat, was die Umstände von ihm fordern. Aber ist es nicht die Geste des Überfallenen, der, um sein Gesicht zu wahren, noch den einen oder anderen Tausender aus dem Notenbündel zupft, bevor er Brieftasche und Geld seinem Erpresser übergibt?

Tatsache ist jedenfalls, daß die algerischen Nationalisten jegliches Feilschen über die ihnen wichtigen Forderungen – nämlich die Unabhängigkeit Algeriens unter Einschluß der Sahara – rundweg ablehnen. Tatsache ist schließlich, daß jede Form der algerischen Selbstbestimmung von Frankreichs Gnaden in den Augen der Rebellen einen siebenjährigen Krieg nachträglich sinnlos machen würde.

Die Verhandlungen, von denen auf beiden Seiten schon so lange gesprochen wird, sollen offiziell erst dann beginnen, wenn eine Einigung grundsätzlich möglich ist. Die Pressekonferenzen Ben Kheddas und Minister Joxes haben bei aller höflichen Beflissenheit keine derartige Entwicklung erkennen lassen. Ben Khedda hat in scheinbarer Großzügigkeit zwei Diskussionsvarianten vorgelegt, von denen die erste indes lediglich eine Abkürzung der zweiten ist. Wenn die algerische Selbstbestimmung nach französischer Auffassung unweigerlich zur Unabhängigkeit führen soll, so folgert Ben Khedda, dann wäre es doch besser, die komplizierte Selbstbestimmung zu überspringen und gleich zur Unabhängigkeit vorzustoßen.

In Paris wurde dieser Vorschlag fast einhellig abgelehnt. Entscheidend war dabei, daß keine französische Regierung eine Unabhängigkeitserklärung Algeriens zulassen kann, bevor nicht völlige Klarheit über die Zukunft der französischen Siedler geschaffen ist. Solange die OAS die europäische Bevölkerung Algeriens hinter sich hat, würde die Unabhängigkeitserklärung katastrophale Folgen haben.

Freilich wird die OAS, ob nun die Unabhängigkeit Algeriens auf dem Abkürzungsweg oder auf dem Umweg über die Selbstbestimmung angestrebt werden soll, jeglichen Fortschritt in dieser Richtung zu blockieren versuchen. Das heißt, daß die französische Politik früher oder später an eine Mauer gelangt, die zu durchbrechen sie vorläufig nicht imstande ist. Rudolf Fischer