Was plant Chruschtschow mit seinen Attacken gegen die „Parteifeinde“?

Von Wolfgang Leonhard

Die 5000 Delegierten im Moskauer Kreml-Theater erleben gegenwärtig ein seltsames Schauspiel: einen Kongreß, der gleichzeitig auf zwei Ebenen stattfindet. Immer noch – trotz aller sensationellen Wendungen und Überraschungen – widmen die auf dem Kongreß auftretenden Führer und Funktionäre bis zu achtzig Prozent ihrer Redezeit jener Thematik, wie sie ursprünglich vorgesehen war. Mit den üblichen ermüdenden Klischee-Formulierungen und einer Fülle von Ziffern berichten sie über die wirtschaftliche Entwicklung ihrer Gebiete oder Industriezweige, über Mais und Zement, über Betriebe und Kolchose, Wettbewerbe und Bestarbeiter – immer bedacht, zwischen Erfolgsberichten auf der einen und selbstkritischen Eingeständnissen über Mängel auf der anderen Seite den richtigen Mittelweg zu finden.

Aber selbst die diszipliniertesten Parteitags-Delegierten dürften diesmal nur mit halbem Ohr hinhören. Für sie – wie für die Öffentlichkeit der gesamten Welt – ist die „zweite Ebene“ des Parteikongresses zum Hauptthema geworden: der Konflikt mit den stalinistischen Führern in Albanien, das Aufrollen der Schreckensjahre der Stalin-Ära, die Anklagen gegen die „Parteifeinde“.

Moskau – Tirana – Peking

Der sowjetisch-albanische Konflikt, durch Chruschtschow am ersten Tag des Kongresses in die Öffentlichkeit getragen, hat inzwischen einen neuen Akzent erhalten. Es geht jetzt nicht mehr allein darum, ob und inwieweit die albanischen Führer von der Generallinie des Weltkommunismus abgewichen und durch ihre Politik die Beziehungen zur Sowjetunion verschlechtert haben. Der Hauptakzent liegt vielmehr auf etwas anderem: War es richtig – wie dies Chruschtschow getan hat –, den sowjetisch-albanischen Konflikt öffentlich auszutragen?

Die Erklärung Tschou En-lais, es sei falsch, „vor den Augen des Feindes einen Streit zwischen brüderlichen Parteien oder brüderlichen Ländern zu enthüllen“ und dies könne „nicht als echte marxistisch-leninistische Handlungsweise angesehen werden“, hat die sowjetisch-chinesische Kontroverse deutlich gemacht.