Hätte man vor einem Jahr schon annehmen dürfen, daß sich die gewitterhafte Spannung zwischen den Ländern des Nordens (die ja alle EFTAgebunden sind) und der mitteleuropäischen EWG so milde entladen ließe? An Stelle zuckender Blitze und grollenden Donners breitet sich heute über der Szene ein magisches Nordlicht und läßt die Konturen in den wirtschaftlichen und politischen Verhandlungen weich verfließen.

Mit einer höflichen Verneigung und mit einem kecken Sprung zugleich wird sich Dänemark zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft finden. Die Vorbesprechungen in Brüssel hatten sozusagen nur noch deklamatorischen Wert – im übrigen war man sich beinahe über alles einig. Das Bekenntnis zur EWG, von Dänemark schnell und deutlich gesprochen, ist zweifellos echt. Man hat gar nicht den Eindruck, irgend jemand denke an einen „Verrat an Skandinavien“: Und damit ist wohl leicht bewiesen, daß die regionale Struktur, die man einmal mit dem Skandinavischen Markt zu erreichen hoffte (und während Jahren auch in den Parlamenten hätschelte), eine fixe Idee war und wirtschaftlich unrealistisch sein mußte. Dänemark hat sich also kurzerhand seiner europäischen Interessen erinnert und sich selbst in die rechte Perspektive eingeordnet.

Norwegen wird ein gleiches tun; ja auch von Schweden‚ der „größten Kraft im Norden“, vernimmt man ebenfalls vernünftige Worte zur EWG-Problematik. Wirtschaftlich könnte sich wohl auch Schweden leicht entschließen. Es geht nur noch darum, die politischen Bedenken wegen der Neutralität auszuräumen – dann wäre Europa im Norden gebaut. Ein profilierter Konservativer, Eli Heckscher, empfahl seinen Landsleuten, erst einmal die Frage der Vereinbarkeit des schwedischen Neutralitätsstatus mit einer EWG-Mitgliedschaft zu prüfen – und das zur gleichen Zeit, da ein renommierter schweizerischer Völker- und Staatsrechtler den gleichen Ratschlag an die Eidgenossen richtet. Das magische Nordlicht könnte also recht wohl bis weit ins Herz Europas, in die „isolationistischen Alpen“ vordringen.

Darf man von der skandinavischen Anpassungsfähigkeit her auch auf einen ähnlichen Geist in England schließen? Ja – und nein. Albions Position ist bedeutend komplizierter als jene der skandinavischen Staaten. Für beide Teile, die EWG und England, ist der Zusammenschluß nicht ohne große Rückwirkung zu bewerkstelligen, die man nüchtern errechnen muß.

Macmillans Regierung hat sich entschieden der EWG zugewandt und möchte keine Zeit in unnötigen Konferenzen vergeuden. Die Angebote an die EWG sind fair und zeigen den guten Willen der Angelsachsen – er wird auf offenes Verständnis bei der Gemeinschaft stoßen! Vielleicht kann so die Vorausgesagte lange hindernisreiche Verhandlungsperiode gekürzt werden – was zweifellos zum Vorteil all jener sein dürfte, die in ihren Dispositionen von der Integration betroffen werden.

Daß auch noch in Kanada Stimmen laut werden für einen Anschluß an die EWG, zeigt mehr als alles andere die große Kristallisationskraft der Gemeinschaft. Man hofft wieder auf Europa und traut dem alten Kontinent noch etwas zu. Also frisch ans Werk! H. R.