Von Th. Eschenbur?

Walter Bauer ist 1901 in Heilbronn geboren, sein Vater hatte ein kleines Ledergeschäft. Nach Absolvierung der Realschule und einer kaufmännischen Lehre studierte er Nationalökonomie. Das Studium mußte er sich selbst verdienen, das Abitur, in den Abendstunden vorbereitet, als Externer nachholen. Kaum 23 Jahre alt, promovierte er in Tübingen mit einer Arbeit über „Konzernbilanzierung“ mit summa cum laude.

Theodor Heuss hatte dem Hochintelligenten, unbändig Vitalen, der schon als Zwanzigjähriger eine höchst auffällige Erscheinung gewesen sein muß, geraten, zu Max Weber nach München zu gehen. Aber dieser starb unerwartet im Juni 1920. Mit leidenschaftlicher Intensität erarbeitete sich Bauer das Werk Max Webers, um so doch noch dessen Schüler zu werden.

Für den in der Jugendbewegung Verwurzelten, mit seinem Hang zum Romantisch-Emotionalen, wurde die geistige Begegnung und Auseinandersetzung mit Max Weber zu einem entscheidenden Erlebnis, das heute noch wirkt. Von Max Weber lernte er das strenge Denken in sozialwissenschaftlichen Kategorien, um mit deren Hilfe die eigene Umwelt zu begreifen und zu beurteilen. Sein mit ungestümem Temperament vertretener Idealismus, der trotz seines religiösen Gehalts oft nur als ein jugendliches Strohfeuer erschien, wurde dadurch nicht erdrückt, vielmehr geistig geordnet. Auf Max Weber sich stützend, trat er in der deutschen Studentenschaft der nationalistischen und antidemokratischen Majorität mutig entgegen.

1924 wurde er kaufmännischer Angestellter in der Berliner Hauptverwaltung des Petschek-Konzerns und übernahm 1928, zum ordentlichen Vorstandsmitglied bestellt, als 27jähriger die Verkaufsleitung dieses größten mitteldeutschen Braunkohlenunternehmens. Er verfügte damals über keine Beziehungen und hielt an seinem von der Jugendbewegung geprägten Lebensstil fest, der den leitenden Kreisen in der Wirtschaft fremdartig, wenn nicht gar verdächtig erschien. Auch hier wieder ein Einzelgänger wie in der Universität, verdankte er den schnellen und steilen Aufstieg seiner kaufmännischen und organisatorischen Begabung, die er durch wissenschaftliche Fortbildung noch gesteigert hatte. Der in der Unternehmensführung bis heute so Erfolgreiche blieb als gelehrter Kaufmann und Organisator in ständigem Kontakt mit der Wissenschaft.

Bauer verfügt über eine ungewöhnliche Arbeitskraft, die er mit Hilfe einer sehr disziplinierten rationalen, sich am Wesentlichen stets orientierenden Zeiteinteilung ausschöpft. Stark zog es ihn, den liberalen Demokraten, aus Ethos und Leidenschaft zugleich in die aktive Politik. Aber noch fehlte die ökonomische Basis zur Sicherung der völligen Unabhängigkeit, die er zwar ohnehin erstrebte, die ihm aber für sein politisches Wirken als eine unabdingbare Voraussetzung erschien.

Als der nationalsozialistische Arisierungsterror die Petscheks aus Deutschland vertrieb, führte er, sich ganz als deren Treuhänder betrachtend, mit Geschick und Mut die Verkaufsverhandlungen. Er selbst schied aus dem Konzern aus, obwohl er von Flick, dem neuen Konzernherrn, zum Bleiben gedrängt wurde, und beschränkte sich darauf, mehrere mittlere Industrie- und Handelsunternehmungen zu leiten, die er erworben oder an denen er sich maßgeblich beteiligt hatte.