H. K., Hamburg

Sie gaben für einige Stunden die Suche nach einer Bude auf, ließen Immatrikulation Immatrikulation sein und versammelten sich statt dessen in den Nachmittagsstunden des 30. Oktober vor ihrer Mensa. Wenige Stunden vorher hatte die Sowjetunion eine 50 Megatonnenbombe explodieren lassen.

Tausend Hamburger Studenten protestierten gegen die Wiederaufnahme der Atomwaffenversuche. Sie bildeten einen langen Zug und zogen schweigend durch die Straßen ihres Universitätsviertels. Autofahrer nahmen geduldig Verkehrsstockungen in Kauf. Die Passanten, die den Zug an sich vorbeimarschieren ließen und die Hausfrauen, die aus den Fenstern lehnten, nickten beifällig zu den Plakaten der Studenten: „Wir Studenten protestieren gegen die Kernwaffentests“. „Kein Zweck beiligt Atomwaffen“ und auch zu dem anspruchsvolleren Text: „Wir Studenten sorgen uns um die Zukunft Deutschlands und der Welt“. „Ban the A-Bomb!“ – Engländer marschierten ebenso wie afrikanische, persische und amerikanische Studenten in den Reihen ihrer deutschen Komilitonen.

„Sie scheinen politisch gar nicht so desinteressiert zu sein, wie man mir zu Hause erzählen wollte, die deutschen Studenten“, meinte erstaunt Marie-Gorgette, eine kleine Südfranzösin, die seit zwei Tagen Hamburger Studentin ist.

Auf dem Rasen vor dem Hauptgebäude der Universität verlas ein Sprecher eine Resolution, die dem sowjetischen Botschafter in Bonn übergeben werden soll:

„Die Hamburger Studentenschaft hat mit Empörung und Sorge die Wiederaufnahme der Kernwaffenversuche durch die UdSSR verfolgt. Sie kann im Angesicht der verheerenden Schäden für die gesamte Menschheit, die durch eine Fortsetzung dieser Versuche entstehen müssen, aus Gewissensgründen nicht schweigen. Mit der gleichen Entschiedenheit wendet sie sich gegen eine eventuelle Beteiligung anderer Mächte an diesem gefährlichen Unterfangen.“

Professor Schubert, Ordinarius für Gynäkologie, warnte vor den Gefahren, die durch die radioaktive Ausstrahlung der Kernwaffentests entstehen: Nicht heute, aber in Monaten oder Jahren können sich Schäden einstellen, eine allmähliche Verseuchung des Grundwassers und unserer Nahrungsmittel, eine unmittelbare Gefährdung des menschlichen Lebens. Man nimmt an, er zitierte einen französischen Wissenschaftler, daß in den nächsten 30 Jahren 30 000 Menschen an Strahlungsschäden sterben werden. „Aber auch wenn nur einer sterben würde...“

Nachdenklich und ein wenig zornig darüber, nicht mehr tun zu können als schweigend zu protestieren, gingen die tausend Studenten wieder auseinander. Das Semester hat düster begonnen.