Mit einem gewissen Staunen las ich jetzt, daß es in einem Monat in der Innenstadt Roms nur zwanzig bis dreißig Verkehrstote gibt. Natürlich muß man auch die Verwundeten, mindestens 1500, berücksichtigen, aber ich hatte geglaubt, daß diese Zahlen sehr viel höher lägen. Denn jedesmal, wenn ich unterwegs einen Augenblick innehalte und mir den Verkehr anschaue, wundere ich mich, daß alle meine Knochen noch heil sind. Wird der liebe Gott nicht eines schönen Tages müde werden, seine Hand über mein Haupt zu halten? Und wenn, wer um Himmels willen wird mich dann beschützen?

Ich glaube, daß mit unserem neuen „Codice ’della Strada“, dem Gesetz, das den Autoverkehr regeln sollte, ein Höchstmaß an theoretischer Sicherheit für die Verkehrsteilnehmer erreicht wurde. Noch mehr einschränkende Taten kann man auch beim besten Willen von keiner Behörde verlangen. Allerhöchstens könnte noch die praktische Anwendung vervollkommnet werden. Aber wenn einmal dieses Ziel auch erreicht ist, bleibt uns wirklich nichts anderes übrig, als uns an die himmlischen Mächte zu wenden. Denn nach dem primitivsten Gesetz der Logik müßten wir alle schon heute längst überfahren worden sein. Nur ein Wunder hat es fertiggebracht, daß noch jemand von uns am Leben geblieben ist.

Die ausländischen Touristen, die nicht an Wunder glauben, erbleichen oder erröten – je nachdem –, wenn vom Autoverkehr in Rom die Rede ist – und schweigen. An die strenge Befolgung der Verordnungen in ihren Heimatländern gewöhnt, sind sie dem italienischen Irrationalismus gegenüber vollständig entwaffnet und müssen schließlich stillschweigend, wenn auch nicht ausdrücklich, zugeben, daß „etwas Wahres daran ist“ an dem „Wunder“, nenne man es nun „guter Stern“ oder „Heiliger Gennaro“. Jedesmal, wenn man von einem Streifzug zu Fuß oder per Auto durch Rom wieder glücklich nach Hause kommt und die Bilanz der überstandenen Verkehrsgefahren zieht, bleibt wirklich nur die Hypothese einer Kraft, die jenseits von menschlicher Logik und menschlichem Verstand steht – um unser Überleben zu erklären.

Man sagt, daß die Schuld an allem die Automobilisten treffe, die „zu schnell“ führen. Wenn sich dieses „zu schnell“ auf die einer bürokratischministeriellen Hauptstadt unangemessenen Eile bezieht, so haben diese Kritiker recht. Denn wenn die Automobilisten ihre Schnelligkeit dem Rest des hiesigen römischen Lebens anpassen sollten – vom Standesregisteramt bis zur städtischen Müllabfuhr, – vom Gaswerk bis zum Telephon, vom Eintreiben geliehener Gelder bis zum Bezahlen von Wechseln –, dann würde kein Auto die Fünf-Kilometer-Grenze überschreiten. Und es bleibt immer ein Geheimnis, warum in einer Stadt wie Rom, wo jeder Zeit hat und die Dinge sozusagen am Maß der Ewigkeit gemessen wenden, gerade die Autofahrer wie die Wilden rasen müssen, als wären sie Von Skrupeln der Pünktlichkeit getrieben, die selbst der Durchschnittsbürger schon ach so schmerzlich an jedem römischen Schalter vermißt.

Einmal habe ich mir die Mühe gemacht, einen solchen rasenden Fahrer, der meinen Kotflügel beschädigt hatte und unbekümmert weitergebraust war, zu verfolgen. Er fuhr die Via Tritone hinauf, bog am Piazza Barberini nach links, donnerte die Via Veneto hinauf, und als ich endlich nachkam, hatte er seinen Wagen vor einem Café geparkt und war gerade damit beschäftigt, beim Kellner einen „cappucino“ zu bestellen. Das war es also gewesen. Nur, um nicht zu spät zu seinem Kaffee zu kommen, hatte er nicht einmal Zeit gehabt, sich bei mir zu entschuldigen.

Es ist also kein Zweifel, daß die italienischen und besonders die römischen Autofahrer das ihre an Eile und Unerzogenheit dazu tun, um den Straßenverkehr in Italien zu einem wahren Chaos zu machen. Aber man muß gerechterweise hinzufügen, daß sie von einer städtebaulichen Situation unterstützt werden, der gegenüber selbst Minister, Gesetze, Verkehrsregelungen und Polizisten machtlos sind.

Die Ursache dessen ist, daß unsere schönen alten Städte zu einer Zeit angelegt wurden, als die Menschen noch nicht wußten, wie ein Auto aussähe. Heute werden diese alten, schönen Städte vom Straßenverkehr langsam aber unweigerlich verunstaltet und zu Grunde gerichtet. Nur zwei Maßnahmen könnten da Abhilfe schaffen: das Auflockern unserer Städte mit weiten, modernen Außenbezirken – und eine rigorose Verkehrssperre in den alten Innenstädten. Warum wird nicht wenigstens probeweise in den kleineren Städten wie Siena, Perugia, Assisi und Lucca Parma sofort damit begonnen?