R. H.: „Schutz für den Grips“, ZEIT Nr. 42

In Ihrem Artikel werden zwei Tatbestände gegenübergestellt, die sich kaum miteinander vergleichen lassen:

Es muß zugegeben werden, daß die Regelung des Jugendarbeitsschutzes für Kinderarbeit in der Landwirtschaft keineswegs den Idealvorstellungen entspricht. Immerhin bleibt es auch in der Landwirtschaft der Vernunft und der Einsicht der Erwachsenen überlassen, den gesetzlichen Bestimmungen Geltung zu verschaffen. Kinder dürfen in der Landwirtschaft nur mit leichten und ihnen gemäßen Hilfeleistungen beschäftigt werden. Diese Arbeiten dürfen nicht regelmäßig, sondern nur gelegentlich geleistet werden.

Zwischen der Mithilfe in der Landwirtschaft und der Mitarbeit von Kindern in Rundfunk, Fernsehen und Film und bei ähnlichen kulturellen Veranstaltungen besteht aber nun ein wesentlicher Unterschied. Nur, wer einmal die Mühle von Rundfunk, Fernsehen- oder Filmaufnahmen und den anstrengenden Proben selbst mitgemacht hat, kann ermessen, welchen Belastungen und Anspannungen Kinder ausgesetzt werden. Es gibt in Hamburg zahlreiche Kinder, die nach den Schulstunden schnell ihr Mittagessen einnehmen, dann Schularbeiten machen müssen, um danach rasch zur Privatstunde in Musik oder zum Ballettunterricht zu eilen; anschließend geht es dann zur Probe im Fernsehen. Kurz, diese Kinder haben kaum Zeit zum Spielen. Oft sind es die ehrgeizigen Eltern, die auf ihre Kinder stolz sind und aus ihnen „Stars“ machen wollen. Oft sehen die Eltern auch die guten Verdienstmöglichkeiten, die sich hier ihren Kindern eröffnen.

Unter diesen Umständen ist es verständlich, daß das Jugendarbeitsschutzgesetz gewisse Schranken setzt und auch für die Mitwirkung von Kindern bei kulturellen Veranstaltungen vernünftige und sachgemäße Grenzen zieht. Hier soll nicht Kindern der Spaß verdorben werden, hier wird nicht eine geistige Betätigung eingeengt, sondern hier werden Kinder vor nervlicher Überlastung und körperlichen Überanstrengungen geschützt.

Gewiß haben Sie recht, daß Kinder auch bei der Erntehilfe körperlichen Belastungen ausgesetzt werden, die nicht gering zu bewerten sind. Wenn der Gesetzgeber sich nicht zu gleichen Regelungen im Bereich der Landwirtschaft entschließen konnte wie auf anderen Gebieten, wäre wohl notwendiger als eine „Glosse“ dieser Art ein dringlicher Appell an die Eltern, die Ausnutzung ihrer Kinder zu verhindern und dem Grundgedanken des Gesetzes Geltung zu verschaffen.

Dr. jur. Walter Becker, Leitender Regierungsdirektor in der Jugendbehörde, Hamburg