Rochus Spiecker: „Wann der Film die Bibel braucht“, ZEIT Nr. 42

Spiecker schreibt einen bemerkenswerten Satz: „Die biblischen Monster-Filme aber sollen hier unberücksichtigt bleiben, zumal sie – so paradox es klingt – wenig dazu beitragen, den Geist und die innere Dramatik der Bibel zu beleuchten.“ Statt dessen vergleicht der Autor äußere Formen der Bibel – Paradoxon, Satire, Understatement – mit filmischen Stilmitteln. Das ist interessant zu lesen, wenngleich man streiten kann, ob der Film bei gleichartigen Stilmitteln nicht viel stärker Bezug auf die moderne Dramatik nimmt als auf die Bibel.

Der Versuch hingegen, bestimmte Filme mit der Bibel und ihren Aussagen in Zusammenhang zu bringen, will mir manchmal etwas zu bemüht erscheinen. Gegen die Bezeichnung von René Clairs „Mausefalle“ als „heimlichen Kommentar zur Bergpredigt“ muß ich sogar energisch protestieren; denn während Rochus Spiecker meint, der alte Mann würde notgedrungen zum Richter, heißt es in der Bergpredigt klipp und klar (Matth. 7, 1): „Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet.“

Ich frage mich, ob die Behauptung stimmt, die biblischen Monster-Filme trügen nur wenig zur Beleuchtung von Geist und innerer Dramatik der Bibel bei. Rochus Spiecker hat das „Leise“ im Film untersucht, das „Laute“ jedoch abgelehnt. Hier liegt, wie ich denke, der Fehler, aus dem die Ablehnung der biblischen Monster-Filme resultiert. Nur Puristen können das „Leise“ allein gelten lassen, das andere, das „Laute“ mit all seinem weltlichen Drum und Dran negieren. Schon die Sprache der Bibel ist – selbst noch in den „leisen“ Stellen – so überaus bildnishaft, schwelgt in einer solchen Fülle von Bildern, die aus dem überreichen Angebot des Lebens ausgewählt werden, ist so weltbezogen, so optisch, manchmal auch filmisch, daß sie sich hier bereits mit dem Film trifft. Hinzu kommt die sprachliche Überhöhung der äußeren und inneren Aktion und Dramatik, die sich nur mit dem Wort Monumentalität umreißen läßt.

Noch stärker zeigen sich die „Gemeinsamkeiten“ von Bibel und Film in einer wahrhaft fanatischen Begeisterung für das Leben mit all seinen Farben und Schichten, seiner unerschöpflichen und herrlichen Vielfalt, seinen Höhen und Tiefen, seinem Guten und Bösen, Frohen und Traurigen, kurz, für das Diesseits, so widersinnig es auch klingt. Der Durchzug der Kinder Israels ist nicht monumental, weil ihn der Film zeigt, sondern er bleibt es, obwohl ihn der Film zeigt.

Dieses Beispiel–man denke an Cecil B. de Milles „Zehn Gebote“ – deutet auch noch auf etwas anderes hin. Von jeher hat der Film eine Vorliebe dafür gehabt, mit Tricks das Unmögliche, das Wunder darzustellen, zu zaubern, den Menschen zu verblüffen, schlicht gesagt, zu spielen. Der Franzose George Méliès brachte es darin zu Beginn der Kinematographie bereits zu bewundernswerter Fertigkeit. Und die biblischen Stoffe bieten dem Film großartige Möglichkeiten, diesem Spieltrieb zu folgen. Ist das aber Schuld des Films?

Horst Breier, Stuttgart