BERLIN (Theater des Westens):

„My Fair Lady“, Musical nach Shaws „Pygmalion“

Fünf Jahre schon läuft dieses Show-Musical in New York, vier in London, zwei in Stockholm. Bei der deutschsprachigen Premiere in Berlin stellte sich jetzt, wie Ilse Urbach im Kurier schreibt, prompt wieder ein, „was einst der Massary im Metropol, Charell im Großen Schauspielhaus gelang: daß eine weit über tausendköpfige Menge in Sektlaune gerät“. Friedrich Luft lobt in der Welt die Privatinitiative des „Komödie“-Direktors Hans Wölffer, der „das alte Theater des Westens mit großem Smoking-Pomp und höchstem Amüsieranspruch neu eröffnete“. Freilich, „daß ein Theaterleiter das ausschließliche Aufführungsrecht für das deutschsprachige Gebiet erwirbt, mit anderen Worten, daß er Inszenierungen in Wien, Zürich oder München blockieren kann, solange das Musical in Berlin läuft – warum nur“, fragt die FAZ, „muß ausgerechnet so ein Musical sich mit Bürokratie und Monopolansprüchen umgeben?“

Für Deutschland mindestens ergibt sich als Antwort, daß nur durch die möglichst getreue Nachbildung eines ausländischen Aufführungsmodells ein schlüssiger Eindruck von dieser Art Unterhaltungskunst zu erzeugen sein dürfte. Was in Berlin gezeigt wird, entspricht der New Yorker Aufführung in den Bühnenbildern (Oliver Smith), den Kostümen (Cecil Beaton) und den Tänzen (Erik Bidstedt). Der Regisseur war derselbe wie in Stockholm (Sven Aage Larsen). Für die Solisten war ein deutscher Dialogregisseur hinzugezogen worden (Wolfgang Spier). Die für die Wiedergabe Verantwortlichen mögen für das Ganze nicht weniger wichtig sein als die Autoren, die Shaws Komödie zum Musical umformten: Alan Jay Lerner und der in Berlin geborene Broadway-Komponist Frederick Loewe. Über seine Musik sagt Werner Oehlmann (Tagesspiegel): „Sie ist nur ein Mittel des Theaters, wie die Dekoration und die Choreographie“, gleichwohl: „sie steckt voller Einfälle und Effekte, sie ist brillant und farbig instrumentiert.“ Ihre Wiedergabe unterstand in Berlin demselben Dirigenten wie bei der New Yorker Premiere: Franz Allers.

„Die singenden Schauspieler, die das Musical erfordert: Es gibt sie, stellt man mit Erstaunen fest, auch bei uns; Film, Sprechbühne und Kabarett haben sie geliefert“: Paul Hubschmid (Prof. Higgins), Karin Hühner (Eliza), Alfred Schieske (Doolittle), Agnes Windeck (Mrs. Higgins), Friedrich Schoenfelder (Oberst Pickering), Karin Hardt (Mrs. Pearce). – Und George Bernard Shaw, der Urautor? „Shaw ist präsent und seine kitzelnde Intelligenz“ (Luft). „Es kann keinen Zweifel geben, daß ein großer Teil des Charmes an diesem Abend GBS zu danken ist und dem querköpfigen Witz seiner Dialoge, die man, gottlob, weitgehend erhalten hat“ (Dieter Hildebrandt in der FAZ).

FRANKFURT/MAIN (Großes Haus):

„Leben des Galilei“ von Bertolt Brecht

„Die Frankfurter Neuinszenierung durch den Hausherrn Harry Buckwitz begegnete ... gespanntem Interesse. Außer ein paar Pfiffen, die von starkem Schlußbeifall und Bravorufen übertönt wurden, gab es keine Demonstrationen. Es hätte den flüssigen Ablauf der 14 Bilder ... gefördert, wenn einige Grüppchen von Beifallspendern nicht auf Sentenzen gelauert hätten, um Einverständnis zu demonstrieren“ (Karl Korn in der FAZ). „So wirksam, so effektvoll die Inszenierung war – sie brachte das Stück immer wieder um seine dialektische Vielschichtigkeit. Die Vertreter der Kirche und der Universitäten waren zu Popanzen der Dummheit vereinfacht ... Galileis Tragik erschien nicht selten als bloße Theatralik ... So sehr die Frankfurter Aufführung durch die Geschlossenheit des Ensembles zu imponieren vermochte, so wenig standen ihr für die wichtigsten Rollen (sieht man vom Galilei Hans Dieter Zeidlers ab) die entsprechenden Spieler zur Verfügung.“ So urteilt Hellmuth Karasek in der Stuttgarter Zeitung. In der FAZ dagegen Karl Korn: Buckwitz hat das große dramatische Geschichtsepos als Ganzes in übersichtlicher Gliederung trefflich gemeistert ... Es ist Buckwitz zu danken, daß er Disziplin hielt und sich nicht in Theatereffekten verlor ... Das war lebendiges und geistiges Theater zugleich.“ – Es streiten sich also nicht nur die politischen, sondern auch die kritischen Geister um diese Frankfurter Brecht-Aufführung. Jac