Die meisten Bilanzen der westdeutschen Industrie für das Jahr 1960 liegen jetzt vor. Sie lassen eine mehr oder weniger kräftige Besserung der Ertragslage erkennen. Sie zeigen aber auch, daß die einzelnen Industriezweige einen recht unterschiedlichen Anteil an dem Konjunkturwachstum hatten. Das kommt besonders in der Umsatzentwicklung zum Ausdruck. Dabei sind Umsatzrückgänge verhältnismäßig selten. Eine größere Gruppe von Unternehmen mußte sich allerdings mit dem Vorjahresumsatz zufriedengeben bzw. erzielte nur eine unwesentliche Erhöhung. Der größte Teil der Gesellschaften verzeichnete Umsatzsteigerungen, die überwiegend 10 vH und mehr betrugen.

Natürlich ist die Umsatzentwicklung der einzelnen Gesellschaften weitgehend branchebedingt, aber auch innerhalb der einzelnen Industriezweige sind unterschiedliche Bewegungen aufgetreten. Das gilt besonders für die Textilwirtschaft, in der neben kräftigen Umsatzerhöhungen auch schmerzliche Rückgänge zu verzeichnen sind. Auch im Maschinenbau lief die Entwicklung einheitlich. Hier war sie allerdings allein durch das Ausmaß der Umsatzsteigerungen charakterisiert. Die großen Einflußmöglichkeiten einer individuellen Betriebsführung zeigten sich bei den Umsatzentwicklungen der Brauereien. Dort haben sogar führende Gesellschaften einen Rückgang hinnehmen müssen, während andere Unternehmen Umsatzsteigerungen bis über 20 vH erzielten.

Dem Umsatz kommt für die Ertragssituation des Jahres 1960 wieder mehr Bedeutung zu, als es in den voraufgegangenen Jahren der Fall gewesen ist! Damals konnte die Ertragssituation stark durch Rationalisierungsmaßnahmen verbessert werden. Noch 1959 konnten zahlreiche Unternehmen trotz Umsatzrückgang eine Ertragssteigerung erzielen, weil die Einstellung unrentabler Produktionen zugunsten ertragsgünstigerer Erzeugnisse die Gewinn- und Verlustrechnung wesentlich verbesserten. In gewissen Grenzen waren auch 1960 noch solche Umstellungsmöglichkeiten vorhanden, aber sie hielten sich in wesentlich engeren Grenzen. Auch die technischen Betriebsrationalisierungen hatten nicht mehr den großen Spielraum der Vorjahre, in denen die Betriebe weitgehend auf den technisch besten Stand gebracht worden waren.

Die stufenweise Rationalisierung – auch das ist aus den Abschlüssen für 1960 abzulesen – wird zunehmend durch die Automatisierung ersetzt, die zu erheblichen Produktionssteigerungen führt, aber auch erhebliche finanzielle Anforderungen stellt. Deshalb ist vor jeder Automatisierung zu prüfen, ob die Mehrproduktion vom Markt aufgenommen wird und das gewünschte finanzielle Ergebnis bringt.

Bei dieser Sachlage gewinnt die Umsatzentwicklung für die Kosten und Ertragsgestaltung wieder eine erhöhte Bedeutung. Dies gilt um so mehr, als die in der Regel kräftigen Lohnanhebungen einen spürbar ansteigenden Kostentrend ausgelöst haben, für den vielfach keine ausreichende Möglichkeit besteht, ihn durch Betriebsrationalisierungen aufzufangen. Bei den Bemühungen, die Umsätze zu steigern, erweisen sich Preissenkungen als ein zweifelhaftes Mittel, soweit nicht in den entsprechenden Industriezweigen generell eine Umsatzausweitung über niedrigere Preise möglich ist.

Versuche, die Umsätze auszuweiten, landen vielfach auf dem Felde von Neuerungen, sei es auf technischem oder auf geschmacklichem Gebiet. Aber gerade diese Anstrengungen-sind mit erheblichen Risiken belastet, denn nicht alle neuen Angebote „kommen an“. Wer jedoch mit seinem neuen Angebot das Kundeninteresse anspricht, braucht mit seinen Preisforderungen heutzutage nicht bescheiden zu sein. Er wird sich gegenüber den Konkurrenten durchsetzen. Die großen Gewinne zahlreicher Aktiengesellschaften sind nur auf dem Wege des individuellen Angebots erzielt worden.

Die Masse der Gesellschaften erfreute sich aber keiner so günstigen Voraussetzung, sondern stand im ständigen Kampf um die Erhaltung der Betriebsrentabilltat. Selbst auf den Gebieten mit den stärksten Nachfragesteigerungen blieb der Käufermarkt erhalten. Die Stellung des Käufers wurde vielfach sogar gefestigt, weil in seiner Stellvertretung der Handel, insbesondere der Lebensmittelhandel mit seiner großen Absatzorganisation, der Industrie Vertragspartner gegenüberstellte, die nicht nur besonders fachkundig sind, sondern auch – vor allem im Einkauf – scharf rechnen können. Die Kettenbildung im Handel hat auf fast alle Bedarfsgebiete übergegriffen. Entsprechend sieht sich ein immer größerer Teil der Industrie diesen harten Partnern gegenübergestellt.

Soweit sich aus den Zwischenberichten der Industrieunternehmen entnehmen läßt, hat die eben skizzierte Entwicklung auch im laufenden Geschäftsjahr angehalten. Der Druck auf die Ertragsspanne hat sich eher noch verschärft, vielfach unter Einwirkung der D-Mark-Aufwertung. Deshalb sind die Dividendenprognosen für 1961 nicht allzu optimistisch. Allerdings wird eine Dividendensenkung allgemeiner Art kaum eintreten, weil die Unternehmen in ihrer Gewinnausschüttung einen erheblichen Spielraum besitzen. In den letzten Jahren ist es in der Regel so gewesen, daß nur der kleinere Teil der jeweils erzielten Gewinne an die Aktionäre verteilt worden ist. Weitaus größere Summen wurden in den Betrieben belassen. G. P.