Von Robert Strobel

Bonn, im November

Der Fraktionsvorsitzende der CDU/CSU, Dr. Krone, der gewiß nicht leicht nervös zu machen ist, scheint doch unruhig geworden zu sein, als immer mehr Telegramme bei ihm eingingen, in denen seine Partei- und Fraktionsfreunde ihrem Ärger über den peinlichen ergebnislosen Verlauf der Koalitionsverhandlungen Luft machten. Die Geduld der Fraktion ging spürbar zu Ende. Krone sprach am Dienstag lange mit dem Bundeskanzler über die Gefahr, die hier heraufzog. Aber auch Bundespräsident Lübke gab zu erkennen, daß er spätestens am Ende dieser Woche aktiv eigreifen würde, wenn das Koalitionsgeschäft bis dahin noch immer nicht abgeschlossen sein sollte. Das war zwar nicht gerade ein Ultimatum, aber doch ein starker Druck auf die Unterhändler.

Dies bedeutet, daß Dr. Lübke Professor Erhard oder Dr. Gerstenmaier, der allerdings zugunsten Erhards verzichten würde, die Kanzlerkandidatur anbieten könnte. Dr. Adenauer sah also die Gefahr der Zeitnot heraufziehen. Bei der CDU/CSU verdichtete sich der Verdacht, daß die FDP auf diese Zeitnot geradezu spekuliere, um so doch noch Adenauer zu überspielen, nachdem ihr Brentano, mit dessen Verbleiben im Amte sie sich bereits abgefunden hatte, durch seinen eigenen Rücktrittsentschluß einen nicht mehr erwarteten Verhandlungserfolg verschafft hatte. Mindestens ließe sich dieser Rücktritt, der in FDP-Kreisen verlangt worden war, so ausdeuten.

Professor Hallstein wurde vom Bundeskanzler aus Brüssel nach Bonn gerufen. Man fragte sich in Bonn: Will er ihn wirklich zum Nachfolger Brentanos machen oder täuscht er es nur aus taktischen Gründen vor? Die FDP erklärte rasch, sie würde sich mit einem Außenminister Hallstein unter keinen Umständen abfinden. Und damit stand bereits die Gestalt des adenauertreuen Gerhard Schröder, der nur ungern aus dem Bundesinnen- in das Bundesfinanzministerium umgezogen wäre, im Mittelpunkt der Kobinationen um den eben frei gewordenen Platz Brentanos.

Brentano hat überdies durch seine in der Bonner Sphäre so rare Geste, an Ansehen bei Freunden und Gegnern sehr gewonnen. Nachdem es jahrelang den Anschein hatte, als sei er ein allzu gehorsamer, kaum noch eines eigenen Willens fähiger Diener Adenauers, ging er nun als Kavalier. Er war offensichtlich der vielen Angriffe überdrüssig, die nicht zuletzt aus den Reihen seiner eigenen Partei gegen ihn kamen. Auch fühlte er sich durch die frostige Art verletzt, in der sich Adenauer von ihm abkehrte. Mag sein, daß ihn auch die Erwägung, er solle nur in einem Obergangskabinett Außenminister sein (noch dazu mit einem Staatsminister als Kontrolleur neben sich), während das Amt für den Rest der Legislaturperiode vermutlich in stillen Absprachen bereits vergeben war, zu diesem Verzicht bewog. Daß er sich von der Zusammenarbeit mit der flexibilitätssüchtigen FDP nicht viel Gutes versprach, ist bekannt. Ihrem Mißtrauen auf der einen Seite, den herrischen Befehlen des Regierungschefs auf der anderen ausgeliefert zu sein, und dies in einer kritischen außenpolitischen Situation, das konnte nicht gerade begehrenswert erscheinen.

Nachdem die FDP einige Male umgefallen ist, scheint nun die CDU/CSU an der Reihe zu sein. Jedenfalls dürfte der Kanzler hinsichtlich des „Koalitionsvertrags“, den er vor seiner Fraktion nicht nur verteidigt, sondern geradezu lächerlich gemacht hatte – obwohl er doch, wenn auch nicht ganz unter seiner Mitwirkung, so doch unter seiner Verhandlungsführung zustande gekommen war –, Zugeständnisse machen, die man schlicht als Umfall bezeichnen kann. Hätte der Kanzler etwas von jener Robustheit, die er früher so oft bei solchen Gelegenheiten an den Tag legte, in der vorigen Woche seiner Fraktion gezeigt, dann hätte er sich in dieser Woche den Rückzug, der vermutlich nicht weniger Robustheit erforderte, erspart.

In der Mitte der Woche wagte niemand mehr in Bonn, eine Prognose für die weiteren Koalitionsverhandlungen zu stellen. Für Adenauer gab es nur noch eine Möglichkeit: Die der kleinen Koalition mit der FDP. Damit war seine Manövrierfähigkeit fast ebenso sehr eingeschränkt wie die Mendes. Ein Grund zu handfesten Zugeständnissen, aber auch für beide ein Grund zur Mäßigung. Denn die kleine Koalition ohne Adenauer könnte Mende ja nur zustande bringen, wenn Erhard in die Bresche spränge. Aber selbst wenn 80 Prozent der Unionstimmen für ihn wären, dann gäbe das mit der FDP zusammen noch immer erst eine knappe Mehrheit. Auch der Bundespräsident hat es also nicht leicht, in dieser verfahrenen Situation Initiative zu entfalten. Er würde es am liebsten sehen, wenn wenigstens vorübergehend, ein Allparteienkabinett zustande käme.