R. B., Berlin

Die Panzer kamen an mit entsetzlichem Getöse. Polizisten säuberten die Straße. Die grün angestrichenen Monster der modernen Kriegstechnik, nicht für asphaltierte Straßen gebaut, standen sich an der Friedrichstraße in kaum 100 Meter Entfernung gegenüber. Ihre Kanonen waren schußbereit gegeneinander gerichtet. Schon am selben Tag meinte ein Berliner Senator: „Wenn sich die Geschützrohre küssen, passiert unter Garantie nichts.“ Tags darauf brachte die Bevölkerung Blumen. Auf östlicher Seite waren es Knaben und Mädchen der FDJ – im Westen gesetzte Bürger. Man zeigte Sympathie für die kraftstrotzenden jungen Männer, die so unbequem übernachten mußten. Es fehlte nur noch der gemeinsame westöstliche Chorgesang des Bert Brecht-Songs: „Soldaten wohnen auf den Kanonen ...“

Was soll das? Die Berliner haben diese Frage in diesen Tagen häufig gestellt. Gewiß, die Amerikaner hofften, mit Panzer-Auffahrten ihr Recht auf freien und unkontrollierten Durchlaß für amerikanische Zivilpersonen in Automobilen mit Dienstnummern verteidigen zu können. Das machten sie auf ganz eigentümliche Art. Erst verboten sie amerikanischen Zivilisten, von Presseleuten abgesehen, nach Ostberlin zu fahren. Dann schickten sie Angehörige der US-Mission von Berlin in Kraftwagen, deren Nummern die Aufschrift „US Forces“ trugen, über die Demarkationslinie am Ausländerübergang Berlin-Mitte und ließen gleichzeitig vier Jeeps mit bewaffneter Mannschaft, drei gepanzerte Schützenwagen und zehn Panzer, gut sichtbar und dräuend auffahren.

Stoppten die Volkspolizisten nach dem Slalom durch die quergelegten Betonblöcke das amerikanische Fahrzeug dennoch, dann rasten sogleich die Jeeps nach vorne. Einer setzte sich vor den Pkw, zwei folgten ihm in Schrittabstand, und so gings unkontrolliert durch die Voposperre. Gelegentlich gab es eine Variation: dann entstiegen vier mit Maschinenpistolen bewaffnete amerikanische Soldaten ihrem Jeep und sicherten zu Fuß das Fahrzeug der Zivilisten. Immer aber gingen sie nur zehn bis zwanzig Meter über die Sektorengrenze. Manchmal fuhren die Zivilisten allein weiter, aber nur um fünf Minuten später zurückzukommen. Dann stoppten die Vopos wieder, aufs neue fuhren die Jeeps über die Grenze und das Programm wiederholte sich eintönig wie zuvor.

Was war damit erreicht? Praktisch fuhren überhaupt keine amerikanischen Zivilisten – ob privat oder amtlich – mehr hinüber. Stadtkommandant Watson hatte seine Zivilisten gebeten, zu Hause zu bleiben, um für die von ihm befohlenen Testfahrten freie Bahn zu haben. Die Testfahrten aber dienten nur der Demonstration und nicht einem wirklichen Besuch in Ostberlin. Außerdem verschärften die Vopos, die vorher nur stichprobenweise kontrolliert hatten, jetzt ihr System. Seit die Amerikaner auf ihrem Recht bestanden, verlangten sie den Ausweis von jedem Zivilisten, der den Ausländerübergang passieren wollte.

Am wenigsten aber erreichten die Amerikaner mit ihren von Panzerwagen unterstützten Demonstrationen bei den Berlinern. Sie wurden durch die täglichen Panzerauffahrten daran erinnert, was am 13. August hätte geschehen sollen und nach ihrer Ansicht mit Erfolg hätte geschehen können. Für die Berliner demonstrierten die Amerikaner jetzt nur, daß sie das deutsche Recht auf freien Verkehr in ganz Berlin am 13. August hatten fallenlassen und nur noch danach trachten, ihr eigenes Recht zu wahren. Schien das nicht ein böses Omen für künftige amerikanische Unterscheidungen, wenn es einmal um den Verkehr zwischen Westberlin und der Bundesrepublik geht?

Die sowjetische Panzerauffahrt, die am Freitag zum Patt an der Friedrichstraße führte, war der erste Fehler der Sowjetführung, die sonst ihre Züge so klug berechnet. Sie erkannte nicht, daß die täglichen Panzeraufmärsche der Amerikaner, wenn man sie nur geschehen ließe, im Laufe der Zeit in den gefährlichen Bereich der Lächerlichkeit geraten mußten. Die Panzer konnten wirkungsvoll sein, solange es darum ging, festgehaltene amerikanische Fahrzeuge wieder frei zu bekommen. Aber gegen eine Regierungsverordnung, die den Volkspolizisten Ausweiskontrolle für Zivilisten vorschrieb, vermochten Panzer und Jeeps im Grunde nichts auszurichten. Die Volkspolizisten traten bei jeder bewaffneten Demonstration zur Seite, kontrollierten aber jeden Zivilisten, der ohne Militärschutz kam, aufs neue.