Rom, im November

Die italienische KP zählt rund 1,5 Millionen Mitglieder. Sie ist die stärkste kommunistische Partei außerhalb des Ostblocks, und nach einigen Jahren der Stagnation, ja des Rückgangs, formiert sie sich wieder zum Angriff. Manch einer befürchtet sogar, daß die KP in absehbarer Zeit auf legalem Weg an die Macht kommen könnte. Wie konnte hier die KP so stark werden? In einem Land, wo die katholische Kirche so großen Einfluß ausübt?

Der Kommunismus sei in Italien eben eine soziale Protestbewegung, sagen manche. Das zwölfjährige wirtschaftliche Aufbauwerk in Süditalien habe keinen durchschlagenden Erfolg gehabt, noch immer bestehe ein soziales Gefälle zwischen Norditalien und den Gebieten südlich und östlich von Rom. Daran ist soviel richtig, daß Armut ein Nährboden für den Kommunismus ist. Aber diese Tatsache allein erklärt nicht, daß die KP so stark ist: Den großen Stimmenzuwachs hatten die Kommunisten ja gerade in jenen Gebieten, die relativ wohlhabend sind.

Nein, die italienische Dauerkrise, in der die KP gedeiht, hat eine ganze Reihe von anderen Ursachen. Die historischen sind der Antiklerikalismus und der Anarchismus. Italiens politische Einigung wurde gegen den Papst vollbracht. In der Romagna und in anderen Teilen des früheren Kirchenstaates in Mittelitalien wurden die Patrioten des Risorgimento verfolgt. Der Anarchismus wurde in Italien Mitte 1860 unter dem Einfluß Bakunins begründet. Aber schon früher wurde in diesem Land der Staat als Feind empfunden, und umgekehrt mißtrauten die Behörden dem Bürger. Das sind die Folgen jahrhundertelanger Unterdrückung durch ausländische und eigene Tyrannen.

Die Mafia und Camorra, heute Gangsterbanden in Süditalien, waren ursprünglich Vereinigungen zum Schutz der Bürger vor der Willkür der spanischen Bourbonen. Ein Bekenntnis von Mussolini beleuchtet diese negative Erbschaft. Wenige Tage vor seinem Tode sagte er nach 20jähriger Diktatur: „Es ist schlechthin unmöglich, die Italiener zu regieren.“

Symptomatisch ist das Schicksal der Steuerreform von 1951. Erst seit dieser Zeit geben die Italiener eine Steuererklärung ab. Früher wurden sie vom Fiskus eingeschätzt. Wohl nirgends in Europa ist die Differenz zwischen dem deklarierten und wirklichen Einkommen so astronomisch wie hier. Gianni Agnelli, Mitbesitzer der Fiatwerke, deklarierte für 1959 Einnahmen von 260 Millionen Lire. Die Steuer ermittelte 973 Millionen! Sogar halbstaatliche Wirtschaftsbetriebe versuchen, den Fiskus zu beschwindeln.

Was die politische Stabilisierung außerdem erschwert, ist die Binnenwanderung von Süd nach Nord. Millionen süditalienischer Proletarier, die von der Landwirtschaft nicht mehr leben können, ziehen mit Kind und Kegel nach Rom oder in das nördliche Industriegebiet. Rom wächst stündlich um fünf Personen. In Turin sind seit Kriegsende 350 000 Süditaliener eingetroffen, in Mailand mehr als eine halbe Million. So viele Wohnungen man den Zugereisten auch zur Verfügung stellen mag, die miserablen Baracken, in denen sie sich an der Peripherie der Großstädte einnisten, werden nie leer. Viele bleiben in ihren Hütten und vermieten die Wohnungen, um den Lebensunterhalt zu bestreiten. Diese Völkerwanderung stärkt den Radikalismus.