Der Rektor der Universität Hamburg

2-9-1961

Sehr verehrter Herr Koppel!

Sie hatten die Freundlichkeit, mich zur Premiere des Hitler-Films einzuladen. Ich danke Ihnen sehr dafür und darf meinen Dank dadurch abstatten, daß ich Ihnen meinen Eindruck mitteile.

Ich glaube, es ist zunächst einfach eine Tat, einmal die Dokumente zusammenzustellen und sie unserer Jugend vorzuführen. Schon unsere jetzigen Studenten haben ja das alles nicht mehr bewußt erlebt. Für uns Ältere war es eine Ballung schrecklicher Erinnerungen, die wir nötig haben. Vieles war kompositorisch meisterhaft, und manchmal hatten auch die Sprecher Höhepunkte.

Doch wäre ich unehrlich, wenn ich nicht auch einiges Kritische offen sagen würde. Mir fällt das nicht ganz leicht, gerade weil ich die große Leistung und das Unmaß von Arbeit würdigen möchte. Als bloßer Zuschauer übersieht man ja leicht, daß schon durch die zeitliche Begrenzung eines Films auch gewisse Grenzen für die Aussageform gesetzt sind. Jedenfalls habe ich alles mit meinem 20jährigen Sohn besprochen, den ich zunächst sich spontan äußern ließ. Seine kritischen Bedenken lagen genau auf der Linie dessen, was sich selbst in mir bewegte.

Aufs Ganze gesehen, würde ich zunächst sagen, daß der Film zu undifferenziert war. Wenn ich es boshaft ausdrücken darf (boshaft deshalb, weil die Autoren es bestimmt nicht so gemeint haben), würde ich sagen: Hier wurde das ganze deutsche Volk in Sippenhaft genommen und allzu pauschal mit einer Kollektivschuld belastet. Man sah eigentlich nur die begeisterten Akklamationen, vor allem die fanatisierten Nazissen. Auch die relativ kurze Erwähnung der Goerdeler-Opposition (der Name fiel aber, glaube ich, nicht einmal) konnte demgegenüber kein ernsthaftes Äquivalent bilden. Das Leiden des Volkes, nicht nur im Fliegerkrieg, die Konflikte von Eltern und Kindern und die Tatsache, daß das deutsche Volk, illegitim repräsentiert durch Hitler, nicht nur Subjekt, sondern auch Objekt der Tyrannei war – : das alles kam zu kurz. Wenn ich in diesem Zusammenhang etwas von mir selbst sagen darf: Ich war abgesetzt und hatte ein Reichs-Reise- und Redeverbot; aber ich suchte vergeblich nach einem Ort in dem Film, an dem solche Existenzen – solche, denen es schlimmer, und solche, denen es weniger schlimm ging als mir – angesiedelt gewesen wären. Und es waren doch sehr viele. Ich möchte gerecht sein: Die notwendige und wichtige Verwendung der Nazi-Wochenschau-Bilder enthielt natürlich eine gewisse Eigengesetzlichkeit: Die Akklamation war photokundig, das stille Leiden und die stille Opposition waren es nicht. Das wirft Film-Manuskript- und Regie-Probleme auf, denen ich als Laie nicht gewachsen bin. Ich überlege mir nur, ob man sich nicht doch zu eingeblendeten Schauspieler-Szenen, die als solche ja vom Sprecher hätten markiert werden können, hätte entschließen sollen.