Der Kernsatz Ihrer bemerkenswerten Kritik scheint mir der zu sein: „Das Leiden der unterjochten Völker und der Juden besitzt ein derartiges Übergewicht, daß die Leidensproportionen verzerrt werden.“

Sie selbst, sehr geehrter Herr Professor, verweisen auf die Gewissenskonflikte der Soldaten und Offiziere, die man Ihnen offenbarte. Sie sprechen auch von dem Reichsreiseverbot, das die Nazis Ihnen auferlegten, und Sie sprechen weiter von den Deutschen, die sich in ihren Gewissenskonflikten so entschieden, daß sie Opfer der eigenen Landsleute und für ihre ernsthafte mutige Entscheidung von Deutschen ermordet wurden.

Unter den von Ihnen angeführten Beispielen scheint mir die letzte Gruppe die wichtigste zu sein. Sie setzt sich aus Menschen zusammen, die die Kraft aufbrachten, ihre Gesinnung in der letzten Konsequenz mit dem Tode zu bezahlen. Dieser Gruppe haben wir in unserem Film eine wesentliche Sequenz gewidmet – zum ersten Male im deutschen Film. Es ist die Gruppe des deutschen Widerstandes, die – mit Ausnahme der Männer vom 20. Juli und der Geschwister Scholl – während des sogenannten Dritten Reichs bis in die Gegenwart verschwiegen wurde.

Was die Gewissenskonflikte deutscher Zivilisten und Soldaten angeht, was weiter die kleinen und großen Unannehmlichkeiten betrifft, denen sich Menschen ausgesetzt sahen, die den damaligen Gesetzen der Amoral nicht Folge leisten wollten, so schien es meinen Mitarbeitern und mir angesichts der Millionen gequälter, gemarterter und ermordeter unschuldiger Menschen als eine ungeheure Verzerrung der Leiden, wollte man sie nur annähernd einander gleichsetzen. „Gewissenskonflikte“ mußte man wohl bei jedem anständigen Menschen vorausschicken, der diese Zeit mit offenen Augen erlebte. Sie allein genügen nicht und werden niemals genügen, um sich dem Unrecht entgegenzustellen. Ihnen muß eine Tat folgen. Ich habe Verständnis für jeden Menschen, der sich selbst nicht stark genug fühlte, um seine innere Haltung nach außen zu dokumentieren und so vielleicht den Tod auf sich zu nehmen. Verübeln Sie uns aber bitte nicht, wenn wir von diesen Menschen, die es bestimmt gegeben hat, in unserem Film nicht sprechen, sondern denen einen breiten Raum widmen, die ihre sittliche Haltung durch Taten dokumentierten.

Ein NS-Deutschland hat 1939 einen verbrecherischen Krieg geführt, einen Krieg, der zum ersten Male in der Geschichte der neuen Menschheit mit dem Ziel geführt wurde, ganze Menschen- und Völkergruppen auszurotten. Auf diesem Wege ist dieses Deutschland zu einigen Erfolgen durchgedrungen. Es hat schließlich in gewissem Umfange für diese Taten zahlen müssen, denn es hat den Krieg verloren.

Ein gütiges Schicksal hat uns davor bewahrt, mit gleicher Münze zahlen zu müssen. Es schien und es scheint meinen Mitarbeitern und mir nicht Aufgabe unseres Films zu sein, aus diesem Umstand eine „Verzerrung der Leidensproportionen“ abzuleiten. Hie Gasöfen und bewußte und gewollte Vernichtung von unschuldigen Menschen – hie Gewissenskonflikte – auch Leiden – die sich aus einem Krieg, besonders aus einem verlorenen, ergeben. Wir wollten werten und wir haben gewertet.

Nicht gewertet wissen wollten wir, sehr geehrter Herr Professor, die Empfänger der Ritterkreuze, die ein verbrecherisches Regime in seinem Interesse spendete. Wir wissen, daß die meisten der Empfänger heute wünschen, sie hätten damals eine andere Dekoration erringen können – den Gesellenbrief oder den Doktorhut.