Von Thilo Koch

Washington, im November

Das Rumoren der Panzer in Berlin wird natürlich auch in Washington aufmerksam vernommen. Aber man verzeichnet die neuesten Grenzkomplikationen mit mehr Ruhe als vor acht Wochen. Chruschtschows außenpolitische Erklärungen auf dem 22. Parteitag haben Washington in seiner Berlin- und Deutschlandpolitik bestärkt. Eine zugleich feste und verhandlungsbereite. Haltung hat offensichtlich die Krise bereits gemildert.

In der Umgebung Kennedys hält man jetzt dreierlei für erwiesen: die Sowjets wollen und können es in Berlin nicht zum Äußersten kommen lassen – es wäre jedoch unklug, ihnen nach dem Muster de Gaulles die kalte Schulter zu zeigen. Die Sicherheit in Europa sollte durch neue Ost-West-Übereinkünfte befestigt werden.

Der amtierende deutsche Bundeskanzler hat durch seinen Botschafter in Washington dem Präsidenten der Vereinigten Staaten seine Beurteilung der Lage übermitteln lassen. Es ist nichts Zuverlässiges darüber bekannt, wie Kennedy Adenauers Vorstellungen aufnahm, als sicher darf jedoch gelten, daß der Präsident die deutschen Wünsche und Vorschläge im Rahmen seiner bisherigen Politik gegenüber der Sowjetunion sieht.

Das bedeutet: Kennedy legt großen Wert auf das westliche Bündnis-System. Die Bundesrepublik ist in diesem System für ihn nach Großbritannien der vielleicht zuverlässigste, jedenfalls aber stärkste Partner. Ein gutes Verhältnis Washington–Bonn wird stets ein Ziel seiner Außenpolitik sein.

Das Dilemma Kennedys ist es, daß die ungetrübte Partnerschaft mit dem freien Teil Deutschland bis zu einem gewissen Grade den Modus vivendi ausschließt zwischen den Großmächten USA und Sowjetunion. Einen Modus vivendi jedoch suchen trotz Berlin-Krise, trotz Laos, Kongo und Kuba sowohl Washington als auch Moskau. Diesem Ziel werden andere außenpolitische Erfordernisse nachgeordnet. Botschafter Grewe hat dem Präsidenten erläutert, daß und warum es neben den drei „vitalen Interessen“ in Berlin noch andere lebenswichtige Probleme gibt, die für eine deutsche Politik nicht zurückstehen dürften.