Die Liebe in der Literatur“ lautet der Titel eines gründlichen Artikels in der „Leipziger Volkszeitung“ vom 15. Oktober. An diesem Thema sind auch wir brennend interessiert. „Auf der Grundlage der sozialistischen Umgestaltung der Gesellschaft“ – lesen wir – „haben sich neue Beziehungen der Menschen zueinander entwickelt... Im System dieser neuen zwischenmenschlichen Beziehungen nimmt das Verhältnis der Geschlechter zueinander einen wichtigen Platz ein.“ Die Liebe gehöre „zur Menschheitskultur“, der Mensch habe „das Recht auf Liebesglück“.

Nun fragt die Zeitung: „Wie steht es damit in der Klassengesellschaft Die Bourgeoisie habe – erfahren wir – „den Boden für die Entwicklung der individuellen Geschlechtsliebe bereitet“. Ob die Bourgeoisie mit dieser Behauptung getadelt oder gelobt wird, ist dem Artikel nicht zu entnehmen. Übrigens glaube ich mich zu erinnern, daß die „individuelle Geschlechtsliebe“ schon im Altertum, also lange bevor es die Bourgeoisie gab, nicht übel entwickelt war. Lesen wir weiter. „Bedingt durch ihre politischen und ökonomischen Interessen“, habe die Bourgeoisie der Erfüllung der individuellen Geschlechtsliebe durch die Ehe „schroffe Schranken entgegengesetzt“.

Und was hat das mit Literatur zu tun? „Die Liebenden zerbrechen an diesem System, was in der bürgerlich-humanistischen Literatur durch ihren Tod oder den Tod eines Partners... seine anklagende Gestaltung fand. Romeo und Julia, Ferdinand und Luise, Emilia Galotti, Werther, Gretchen sind hierfür klassische Beispiele. Ihr Untergang ist der künstlerisch-konkrete Ausdruck für das Nichtexistierenkönnen der frei geschlossenen Liebesehe unter den Bedingungen der Klassengesellschaft und eine denkbar scharfe Kritik an den Grundlagen dieser Gesellschaft, dem Privateigentum Völlig klar. Wäre Gretchen die Tochter etwa eines Gutsbesitzers, so wäre natürlich ihre Geschichte mit Faust ganz anders ausgelaufen.

Wie war es aber mit Romeo und Julia? Auch in dieser zwischenmenschlichen Beziehung ist zwar der Boden für die Entwicklung der individuellen Geschlechtsliebe bereitet, doch ihrer Erfüllung durch die Ehe werden bekanntlich schroffe Schranken entgegengesetzt. Allerdings sind die Eltern Julias Hauseigentümer und die Romeos ebenfalls. Inwiefern kann also der Untergang der Liebenden als Kritik an den Grundlagen der Klassengesellschaft, dem Privateigentum, verstanden werden? Wir haben es: die Feindseligkeiten zwischen den beiden Familien sind künstlerisch-konkreter Ausdruck für das Nichtexistierenkönnen des friedlichen Zusammenlebens unter den Bedingungen der Klassengesellschaft.

Und wie ist es heute mit der Liebe? Tatsächlich schafft erst der Sozialismus durch die Aufhebung des Privateigentums und die Gleichstellung der Frau die Voraussetzungen für glückliche Liebesehen ... Das Schicksal Werthers kann sich in unserer Gesellschaft nicht wiederholen.“ Dies habe in der unter den Bedingungen des Arbeiter- und Bauernstaates entstehenden Literatur zwar noch keine genügende Gestaltung gefunden, doch könne immerhin auf ein „wertvolles Buch“ – „Es geht nicht ohne Liebe“ von Jan Koplowitz – hingewiesen werden.

„Unter dem Einfluß der Schule und des Jugendverbandes“ löst sich die Heldin dieser Erzählung „von ihrer bürgerlichen Position und begreift die historische Mission der Arbeiterklasse.“ Dabei spielt ein junger Mann eine wichtige Rolle. Sie liebt ihn, „weil sie in ihm ihr neues Ideal verkörpert glaubt. Seinetwegen meldet sie sich freiwillig für den Aufbau eines Hüttenkombinates.“ Der junge Mann indes „entpuppt sich als Bummelant und Tunichtgut.“ Sie ist verzweifelt – und was tut sie? Greift sie etwa, wie Emilia Galotti, zum Dolch, wie Werther zur Pistole? Nimmt sie Gift wie Julia, wird sie wahnsinnig wie Gretchen? Weit gefehlt. „In der Arbeit sucht sie Vergessen und Trost.“

Der künstlerisch-konkrete Ausdruck des Verhältnisses der Geschlechter zueinander ist eben nicht mehr anklagende Gestaltung, sondern Bestätigung des Existierenkönnens neuer zwischenmenschlicher Beziehungen auf der Grundlage der sozialistischen Umgestaltung der Gesellschaft, deren Anliegen es ist, zur maximalen Entfaltung des Liebesglücks unter den Bedingungen des Arbeiter- und Bauernstaates beizutragen.

Abschließend möchten wir einen Toast auf die Liebe, die Literatur, die deutsche Sprache und die „Leipziger Volkszeitung“ zur Durchführung bringen. Marcel