Am 6. September 1961, einem Mittwoch, brachte die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ einen Artikel von Günther Rühle, der sich der Absicht gewisser bundesrepublikanischer Zeitungen und Instanzen widersetzte, aus Anlaß des 13. August 1961 dem Zentralkomitee der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands die ausschließliche Nutznießung des Gesamtwerks des Dichters Bertolt Brecht anzutragen. Dieser vortreffliche Aufsatz hat meiner zeitsparenden Gewohnheit, lediglich die Wochenendbeilage, nicht aber die tägliche Feuilletonseite des gediegenen Blattes zu lesen, ein jähes Ende bereitet.

Die regelmäßige Lektüre erwies sich jedoch als tückisch, und zwar keineswegs aus politischen Gründen: ich mußte sie schleunigst auf den späten Abend verschieben, an dem ihre luminalartige Sofortwirkung, die meine Arbeitsfähigkeit erheblich beeinträchtigte, mit Gleichmut, ja sogar mit Zufriedenheit hingenommen werden konnte. Aber meine Ausdauer ist belohnt worden. Seit einiger Zeit bringt nämlich die FAZ Glossen, von denen einige durchaus aktuell sind. So las man am 3. November:

„Er wurde ein Symbol für ein revolutionäres Jahrzehnt in der Kunst... Er galt um so mehr, je ferner er war. Aber in dem Augenblick, in dem der Mann nach Deutschland zurückkehrte, war er nichts mehr... Langsam arbeitete sich der berühmte, bekannte unbekannte Mann wieder aus der großen künstlichen Vergessenheit herauf ... Aber keine Stadt bietet ihm ihr Theater an Wer wird Erwin Piscator noch einmal eine Stätte für künftige, systematische Arbeit geben?“

Dieser Frage und Mahnung an die Oberbürgermeister der deutschen Städte – es werden einige genannt, die gerade jetzt einen Intendanten benötigen – möchten auch wir uns anschließen. In der Glosse, die „g. r.“ gezeichnet ist – wohl wieder Günther Rühle – haben wir überdies folgenden Satz gefunden: „Die Kunst der Geringschätzung ist lang“.

Ja, tatsächlich – und leider trifft dieser Ausspruch auf den Verfasser einer Glosse zu, die in der FAZ vom 6. November zu lesen war und „Sbg.“ gezeichnet ist, weswegen wir ohne Risiko annehmen dürfen, daß sie aus der Feder von Friedrich Sieburg stammt. Abgesehen von der Mitteilung, der Verfasser habe sich „seit je für hoffnungslose Minderheiten“ interessiert – einer erfreulichen, wenn auch überraschenden Mitteilung, da offensichtlich wohlwollendes Interesse gemeint ist –, findet man zahlreiche Anspielungen, deren Deutung einige Schwierigkeiten bereitet.

Da ist von einer „Gruppe der Geheimniskrämer“ die Rede, die eben eine „hoffnungslose Minderheit“ sei und deren Mitglieder „lediglich verarbeitend tätig“ seien und sich damit begnügen, „aus allgemein bekannten Tatsachen ein Geheimnis zu machen“. Auch kann man erfahren, daß diese Gruppe unter anderem „literarische Nachwuchstexte“ bearbeite und „den Eröffnungsansprachen bei Messen und Tagungen die schöne Dunkelheit“ gebe, „die dem deutschen Verbraucher so trefflich mundet“. Über Mangel an Dunkelheit in dieser Glosse kann man nicht klagen. Etwas heller wird es durch einen beiläufigen Hinweis des Verfassers, er sei „Mitglied zahlloser Berufsorganisationen, vor allem der Gruppe 61 und 1147“. Da haben wir es endlich: Es geht nicht um Kölnisch Wasser, sondern um die „Gruppe 47“, jenen Freundeskreis, dem sich fast alle namhaften deutschen Schriftsteller der mittleren und jüngeren Generation zugehörig fühlen und dessen Tagung soeben stattgefunden hat. Es ist wirklich unsinnig, Sieburg zu verübeln, daß er diesen Tagungen fernbleibt – man kann doch schließlich nicht verlangen, daß jemand an einer Tagung teilnimmt, zu der er nicht eingeladen wurde. Aber um Schriftsteller zu beurteilen, genügt es doch, ihre Bücher zu lesen. Sollte es immer noch der Aufmerksamkeit Sieburgs entgehen, daß just die Autoren der „Gruppe 47“ die deutsche Gegenwartsliteratur repräsentieren, dann würden wir empfehlen, sich in dieser Angelegenheit von den großen Verlagshäusern in Paris, London, New York und Mailand beraten zu lassen. „Die Deutschen beherrschen die Kunst, Bekannte nicht zu kennen“ – heißt es in der schönen FAZ-Glosse über Piscator. Es ist nicht das erste Mal, daß auch die deutsche Literatur darunter leiden muß.

Marcel