Kann Chruschtschow die "neue Welle" wieder stoppen?

Die Abrechnung mit dem Stalinismus auf dem 22. Parteitag war vor allem deshalb notwendig, weil die Erfordernisse und Aufgaben der modernen sowjetischen Industriegesellschaft nicht mehr mit den Methoden und Thesen Stalins zu lösen sind. Chruschtschows Ziel war und ist es – weit über die unmittelbaren machtpolitischen Überlegungen hinaus –, zwischen dem Chruschtschowismus und dem Stalinismus einen deutlichen Trennungsstrich zu ziehen, durch die offene Aufdeckung und Verurteilung der Stalin-Verbrechen die unbewältigte Vergangenheit zu überwinden, den heutigen Sowjetkommunismus vom Ballast der Verbrechen Stalins zu befreien und in den jüngeren, aktiveren Kräften der Sowjetgesellschaft neue Hoffnungen und neue Impulse für die Verwirklichung seiner großen wirtschaftspolitischen Ziele zu wecken.

All dies ist jedoch für Chruschtschow und den sowjetischen Parteiapparat nicht ohne Risiko. Die jetzigen Ereignisse bringen in der sowjetischen Gesellschaft reformfreudige Kräfte in Bewegung, die in ihrer Abrechnung mit dem Stalinismus und in ihren Zielsetzungen für die zukünftige Entwicklung der Sowjetunion sicher weit über die Wünsche der gegenwärtigen Führer und über das heutige bizarre Abrechnungsschauspiel hinausgehen wollen. Der Parteiapparat wird gewiß alles tun, um diese Strömungen in Schach zu halten und die "zu weitgehenden" Auswirkungen des jetzigen Kongresses zu verhindern. Es bleibt aber, auf längere Sicht gesehen, die Frage, ob die neuen Kräfte der Sowjetgesellschaft in Zukunft so einfach durch Haltsignale des Parteiapparates zu stoppen sein werden. W. L.