R. F., Paris, im November

Kein politischer Karikaturist scheint auf die Idee gekommen zu sein, Chruschtschow als Hamlet in der Totengruft zu zeichnen, Stalins Schädel in der Hand, und darunter den klassischen Text zu setzen: „Alles weggeschrumpft Der Scherz wäre dem makabren Sinn für Humor des Diktators durchaus adequat. Man kann nur hoffen, daß wir nicht eines Tages auch noch in die Lage kommen, Ringelnatz zu zitieren: „Aus. Ein. Aus; so grub er viele Wochen ...“

Es gab in Frankreich Beobachter, die nach der Entstalinisierung des Mausoleums mit dem „mea culpa“ des französischen Kommunistenführers Maurice Thorez rechneten, der für seine stalinistische Linie bekannt ist. Für ihn, den alten Freund Enver Hodschas, bedeutet die Verurteilung der Genossen aus Tirana zweifellos einen schweren Schlag. Aber, Chruschtschows Herrschaft unterscheidet sich ja gerade auch darin von derjenigen Stalins, daß sie sich im Gefüge des internationalen Parteiapparates nicht mehr mit jener eisernen Disziplin durchsetzt. Solange Thorez seine Partei in der Hand hat und der Politik Moskaus unverwandt heftig applaudiert, braucht es bei den französischen Kommunisten nicht zu einer Palastrevolution zu kommen.

Auch die Wiederaufnahme der nuklearen Experimente der Sowjetunion hat in den – Reihen der KP Frankreichs und in befreundeten Organisationen starke Verwirrung gestiftet und der Opposition in den eigenen Reihen einen gewissen Auftrieb gegeben. Dies ist vor allem in der „Friedensbewegung“ der Fall, die von prominenten Nichtkommunisten wie Emmanuel d’Astier geführt wird, dessen Blatt Libération sich zum Sprachrohr der Ketzer gemacht hat. In dieser „Friedensbewegung“ verlieren die Kommunisten zusehends an Boden. Die Folgen sind nicht abzusehen. Wahrscheinlich wird es zu einer Reihe von Parteiausschlüssen kommen, aber das Gros dürfte wohl auch diese Kurve bewältigen.