Von Johannes Jacobi

Das war nun endlich der durchschlagende Erfolg für Max Frisch als „Stückeschreiber“. Nicht daß es dem Schweizer Erzähler auf der Bühne bisher an Widerhall gefehlt hätte: Seine ‚Fingerübung“ zu „Andorra“ – „Biedermann und die Brandstifter“ – ist seit drei Jahren an 75 deutschsprachigen Theatern und in zehn Übersetzungen gespielt worden.

Jetzt aber stand ein abendfüllendes Stück sogleich bei der Uraufführung fertig, rund, überzeugend auf der Bühne des Zürcher Schauspielhauses, dem, es der Autor „in alter Freundschaft und Dankbarkeit gewidmet“ hat. „Andorra“ ist das Beste, was Frisch bisher fürs Theater geschrieben hat. Seine Kunst ist so stark geworden, daß einige Schwächen (die Frauenrollen) dagegen nicht ins Gewicht fallen. Die Komposition trägt.

Ein Ereignis wie die Uraufführung von „Andorra“ hat es seit Dürrenmatts „Besuch der alten Dame“ im deutschsprachigen Theater nicht gegeben. Beides waren Zürcher Premieren. Daß Max Frisch dem neuen Direktor Kurt Hirschfeld gleich eine „Weltpremiere“ verschaffte, darf als Lohn für zwei Jahrzehnte dramaturgischer Weggenossenschaft gelten, die Hirschfeld mit dem verstorbenen Oskar Wälterlin verband. Eine Kontinuität, wie sie am Abend der „Andorra“-Uraufführung in Zürich sichtbar wurde, steht auch als Institutsleistung im deutschsprachigen Theater einzigartig da. Und von den zwei Dutzend deutscher Bühnen, die „Andorra“ aus dem Manuskript zur Aufführung annahmen, werden sogar die besten Mühe haben, den Rang der Zürcher Ensembleleistung und die Wahrhaftigkeit von Hirschfelds Regie zu erreichen.

In einem Artikel über „Andorra“ (Die ZEIT Nr. 45/61) zitierte Curt Riess ein Wort von Max Frisch über sein Stück: „Die Schuldigen sitzen im Parkett... Sie sollen erschrecken: sie sollen, wenn sie das Stück gesehen haben, nachts wachliegen.“

Verträgt sich mit solch einer Hoffnung des Autors der Premierenbeifall, der am ersten Abend eine halbe und auch in der zweiten Vorstellung noch eine Viertelstunde dauerte? Der Andrang zu dieser Uraufführung war so groß, daß die internationalen Besucher vom Zürcher Schauspielhaus gar auf drei offizielle Premierenabende verteilt werden mußten. Haben sie nachts wachgelegen?

Max Frisch jedenfalls ward „um den Schlaf gebracht“. Sonst hätte er weder sein Schweizer Musterländli auf eine Weile verlassen, um in der Weltstadt Rom ein anregenderes Arbeitsklima zu finden, noch hätte er, dem es erlaubt gewesen wäre, sich nicht „betroffen“ zu fühlen, vom sicheren Port aus – „hat uns denn Gott verlassen, daß er die Schweiz verschonte?“ – immer wieder das deutsche Schicksal aufgegriffen. Das Stück „Andorra“ nun ist die dramatisch-künstlerische Sublimierung von beidem: von Schweizer Paradieshaftigkeit und einem Massenwahn, der zuletzt in der deutschen Judenausrottung gipfelte, aber jederzeit und überall wieder aufbrechen kann.